Wenn der Alpsegen ertönt
An den Solothurner Filmtagen stehen vom 19. bis 26. Januar drei herausragende Dokumentarfilme auf dem Programm, die besondere Beachtung verdienen. Bruno Moll hat mit «Alpsegen» eine sehr schöne Beschreibung der spirituellen und religiösen Motive in der Bergkultur herausgearbeitet. «Balkan Melodie» führt mit grosser Leichtigkeit den musikalischen Dokumentarfilm fort. Und Heidi Specogna spürt mit «Carte Blanche» den Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Zentralafrika nach.
Im katholischen Schweizer Alpengebiet ist der jahrhundertealte Brauch des Alpsegens bis heute lebendig, vor allem in der Innerschweiz. Bruno Moll hat sich in seinem neuen Werk «Alpsegen» nicht auf das Ethnographische beschränkt, sondern fünf Menschen gesucht, die verschiedene religiöse oder spirituelle Zugänge verkörpern. Sehr schnell wird in diesen Porträts klar, dass die individuelle Gestimmtheit der Figuren im Vordergrund steht. Für die jüngeren Älpler im Kanton Uri und Graubünden ist es vor allem eine Tradition, die sie fortführen, auch wenn sie sich als Agnostiker geben. Die Appenzellerin ist eine zutiefst naturreligiös geprägte Frau; und die Sennen in Nidwalden und Luzern geben sich als traditionelle Katholiken, durchaus auch mit einer pragmatischen Ader. Die Begegnung ist erhellend, humorvoll und wunderbar montiert.
Von den Alpen über den Balkan …
Wer sich für Musik interessiert, ist bei Stefan Schwietert sehr gut aufgehoben. In seinem neuen Film «Balkan Melodie» wendet er sich der Volksmusik aus Rumänien und Bulgarien zu. Wir begegnen dem virtuosen Panflötisten Gheorghe Zamfir ebenso, wie den berühmten Frauenstimmen aus «Le Mystère des Voix Bulgares». Überraschend ist dabei der Zugang. Denn hinter diesen Entdeckungen steht ein Schweizer Ehepaar, das vor über 50 Jahren zum ersten Mal hinter den Eisernen Vorhang gereist ist und diese Musiktraditionen für den Westen entdeckt hat.
Der Film porträtiert Marcel und Catherine Cellier, die heute in Lutry am Genfersee wohnen, mit ihrer Liebe und Leidenschaft zur Musik. Sie erzählen von den Begegnungen und Entdeckungsreisen. Eine wahre Goldgrube für den Film sind die Tonaufnahmen von Marcel und die Filme von Catherine Cellier, die es erlauben, in die Welt der kommunistisch geförderten Folklore einzutauchen. Sie zeigen ein Rumänien, das es heute nicht mehr gibt. Und doch wirken diese Einflüsse in der Weltmusik fort, wie der populäre Balkan-Pop zeigt. Schwietert gelingt es, die Leidenschaft für den Balkan zu wecken: mit einer sehr versierten Montage, mit einem genauen Blick und einem authentischen Paar aus der Schweiz, dessen Lebensgeschichte so stark mit dem Balkan verbunden ist.
… in die Abgründe des afrikanischen Kontinents
Bereits am Filmfestival Locarno lanciert und in Solothurn im Landhaus aufgeführt, ist der wichtige, humanistisch geprägte Dokumentarfilm «Carte Blanche» ein Zeugnis für die Bedeutung der Menschenrechte und des internationalen Strafgerichtshofes in Den Haag. Heidi Specogna begleitet die Ermittler und Ermittlerinnen in die Zentralafrikanische Republik. Sie beleuchtet dabei die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die von 2002 bis 2003 gegen die Zivilbevölkerung verübt wurden. Besonders schwierig ist es nachzuweisen, dass der Befehlshaber Jean-Pierre Bemba seinen Soldaten einen Freibrief zur systematischen Plünderung, Tötung und Vergewaltigung gegeben hat. Genau dies wollen die Behörden jedoch belegen.
Angesichts der politischen Machtverhältnisse und der historischen Distanz zu den Ereignissen ist es eine schier unlösbare Aufgabe, systematische Vergewaltigung zu beweisen. Und doch zeigen Strafankläger, Ermittler und Gerichtsmediziner ein Engagement, das die Hoffnung auf Gerechtigkeit wider alle Hindernisse aufrecht erhält. Heidi Specogna macht deutlich, dass eine internationale Instanz wie das Kriegsverbrechertribunal eine wichtige Aufgabe erfüllt. Und sie zeigt uns die Menschen, die hinter den Ermittlungen stehen: ihre Motivation, ihre Professionalität, aber auch ihre alltäglichen Rituale, die sie in ihrem schwierigen Arbeitsumfeld pflegen.
Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
charles.martig@kath.ch
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Kirche fördert Filme Mit der Unterstützung der Katholischen Kirche im Kanton Zürich sind im Jahr 2011 mehrere Filme in den Schweizer Kinos gestartet. Sehr erfolgreich angelaufen ist «Der Verdingbub» von Markus Imboden, der als Spielfilm eine wichtige soziale Frage aufnimmt. Ebenso der Dokumentarfilm «Ursula – Leben im Anderswo» von Rolf Lyssy, der seit Januar 2012 in den Kinos gezeigt wird. Heidi Specogna hat mit ihrem Film «Carte Blanche» über die Ermittler von Verbrechen in Afrika einen wichtigen sozialkritischen Beitrag geleistet. Kirchliche Filmförderung widmet sich darüber hinaus auch der Nachwuchsförderung: zum Beispiel mit dem Dokumentarfilm-Essay «Grossvater hat das Meer nie gesehen» von Christine Hürzeler, der derzeit ebenfalls in Solothurn zu sehen ist. |
Die drei Dokumentarfilme auf einen Blick
- «Alpsegen», Schweiz 2012, Regie: Bruno Moll, Verleih: http://www.filmcoopi.ch, Kinostart: April 2012
- «Balkan Melodie», Schweiz/Deutschland/Bulgarien 2012, Regie: Stefan Schwietert, Verleih: http://www.looknow.ch, Kinostart: März 2012
- «Carte Blanche», Schweiz 2011, Regie: Heidi Specogna, Filmwebsite: http://www.carteblanche-thefilm.com
