Vollmond

Landesweit verschwinden bei Vollmond eines Morgens zwölf Kinder, zehnjährige Buben und Mädchen, spurlos. Entführungen? Das Verschwinden ist umso rätselhafter, als Entführer sich nicht melden. Das Verschwinden verunsichert nicht nur die Eltern, sondern auch die Polizei und vor allem die sensationsgierigen Medien. Nach Wochenfrist erhalten alle Eltern von ihrem Kind denselben orakelhaften Brief mit der Mitteilung, es gehe ihm gut, und mit dem Ultimatum, den weiteren Inhalt bis zum nächsten Vollmond entschlüsselt haben zu müssen. Die Hoffnung, die Kindern wiederzufinden, bricht endgültig zusammen. Denn die Entschlüsselung gelingt niemandem so verschwinden beim nächsten Vollmond weitere Kinder; dieses Mal sind es zwölf mal zwölf.

Die Metapher, die der Film ist, ist in „Vollmond“ aufzuspüren durch die Verunsicherungen und die Plagen der Eltern. Es geht um eine „zweite Wahrheit“ der Kinder, die sich an einem Ort abseits des Alltages und seiner gesellschaftlichen Mechanismen aufhalten. Emmi (Mariebelle Kuhn), die kleine Tochter einer der Frauen, Irene (Lilo Baur), braucht bloss ihre Hand vor die Augen zu halten, um in der scheinbaren Erblindung durch diese Geste den Blick in die imaginäre Landschaft richten zu können, in welche die Kinder verschwunden sind. Das ist ein Signal, das die Eltern allerdings nicht wahrzunehmen imstande sind. So furchtlos das Mädchen ist, so wenig furchtsam an des Mädchens Hand ist auch der alte, tatsächlich blinde Klavierspieler (Felix Rellstab): Von Emmi geht auf die Erwachsenen Beruhigung aus. Emmi ist in ihrer Kindlichkeit Zwischenträgerin von Hoffnung. Sie ist sowohl eine reale Figur, als auch eine Figur in einem metaphorischen Spiel, das Murer mit Spannung und Ironie eingerichtet hat.

Satirischen Tiefgang erreicht die Ironie dort, wo vom Fernsehen, Metapher für den Glauben an die Machbarkeit von allem und jedem, die Rede ist. Wird von ihm wirklich erwartet, es könne die Sicht öffnen in die Ferne, in welche die Kinder eingetaucht sind? Formal ist das Fernsehen ein Gestaltungsmittel, mit dem Murer Handlungs- und Zeitebenen miteinander verbindet. Erstmals in einem Film unseres Landes also die Verdoppelung der Realitäten, die zweite Wirklichkeit des Bildschirms als Spiegelung der gesellschaftlichen Komplexität im Zeitalter neuer Medien.

Das ist in „Vollmond“ ein neues Motiv. Der Bildschirm, im Film als zweite Zeitebene eingesetzt, wird schliesslich der Ort, an dem Imagination aufscheinen könnte, ein Fenster zur Surrealität. Als Surrealität, Bestandteil in jedem Film Murers, erscheint hier das Verschwinden der Kinder, die dennoch immer wieder gegenwärtig sind, mit Hinweisen, die rätselhaft von ihnen ausgehen. Mit Hinweisen, die Zugänge anzeigen würden, würden diese Zeichen denn nur verstanden. Statt mit logischen Erklärungen könnten die Eltern, die Erwachsenen, den Ereignissen, der Realität überhaupt, mit jener Phantasie begegnen, von welcher Murer meint, sie könnte die in die Ideologien der Machbarkeit, der Selbstzufriedenheit und Abkapselung im Wohlstand, der Selbstisolierung im Sonderfall und der Selbstberuhigung im technologischen Fortschritt eingesperrte Befindlichkeit unserer Gesellschaft und unseres gesellschaftlichen Selbstverständnisses aufbrechen. So wird „Vollmond“ zu einem Plädoyer für mehr Phantasie, um die Zwänge der Logik und des Machbarkeitswahn aufzubrechen, und für einen Rest von Geheimnis als Raum für die Hoffnung.

Martin Schlappner (gekürzt)

„Vollmond“, Regie: Fredi M. Murer

Film des Monats März 1998