Tom à la ferme
Ein aufgelöster junger Mann kommt im Niemandsland zu einem einsamen Bauernhof. Weil weit und breit kein Mensch auffindbar ist, betritt er das Haus, setzt sich in die Küche und schläft ein. Das Unheimliche schwingt gleich zu Beginn des Films mit. Es ist die Art, wie die Kamera die Hauptfigur Tom (gespielt von Regisseur Xavier Dolan) von hinten seitlich begleitet, wenn dieser die verlassenen Räume betritt. Es ist die Art, wie die Kühe die Köpfe drehen, die Leere, das Halbdunkel, die Trostlosigkeit und Stille des Geländes. Das Ganze wird verstärkt durch Orchestermusik, wie man sie aus dem klassischen Hollywoodkino zur Spannungserzeugung kennt.
Die Situation klärt sich langsam, als die Bäuerin Agnes hinzukommt. Ihr jüngerer Sohn Guillaume ist bei einem Unfall gestorben, und Tom ist für die Beerdigung hergekommen. Er war Guillaumes Partner, aber Agnes hält ihn für einen Arbeitskollegen – und ihr älterer Sohn Francis setzt alles dran, dass sie nichts von der Beziehung erfährt. Die eigenartige Mischung aus sadistischem Hass, Leidenschaft, Unberechenbarkeit und Verzweiflung machen Francis zur bedrohlichsten Figur des Films. Doch bleibt man im Ungewissen über seine Antriebe und Hintergründe. Das Spiel mit Sehgewohnheiten, Erwartungen und Assoziationen ist das Raffinierte dieses Films, der Züge eines Thrillers trägt, die Zuschauer aber mit ihrer Fantasie allein lässt.
Andrea Lüthi, Kulturjournalistin
andrea.luethi@medientipp.ch
«Tom à la ferme», Kanada, Frankreich 2013, Regie: Xavier Dolan; Besetzung: Xavier Dolan, Pierre-Yves Cardinal, Lise Roy; Verleih: Filmcoopi Zürich, Internet: http://www.filmcoopi.ch
Kinostart: 31. Juli 2014
