The Truman Show
Truman Burbank (Jim Carrey) ist ein wahrer Mann (true man). Tatsächlich ist er das einzig Wahre in einer ganzen Stadt aus Statisten, Schauspielern und Kulissen. Trumans Leben wird als Fernsehshow seit seiner Geburt 24 Stunden am Tag weltweit live übertragen. Und Truman ist der einzige, der das nicht weiss.
Ersonnen wurde dies alles von Christof (Ed Harris), einem TV-Produzenten, der rund um Truman ein ganzes Imperium mit Studio und Merchandising aufgebaut hat. Gottähnlich lenkt er das Schicksal seines Schützlings und dessen kleiner Stadt Seahaven. Seit 30 Jahren schon erfindet er immer neue Geschichten und Episoden im Leben von Truman. Doch anders als dieser sind seine Frau Meryl (Laura Linney), sein bester Freund Marlon (Noah Emmerich) oder die Leute in der Versicherungsagentur, in der Truman arbeitet, alles eingeweihte Schauspielerinnen und Schauspieler, die bloss ihren Job machen.
Faszinierend an „The Truman Show“ ist, dass der Zuschauer zusammen mit Truman langsam entdeckt, dass in dieser glänzenden, sauberen Welt, wo jedes Haus seinen gepflegten Garten mit weissem Lattenzaun hat und jeder Nachbar am Morgen sein immergleiches Lächeln aufsetzt, etwas nicht stimmen kann. Da irritieren zuerst nur Kleinigkeiten wie ein Filmscheinwerfer, der eines Morgens aus heiterem Himmel neben Truman zu Boden kracht. Doch spätestens nach 15 Filmminuten, wenn Truman aus Versehen seinen Vater wieder trifft, der doch beim Segeln mit ihm durch einen Unfall ums Leben gekommen ist, wird sowohl bei Truman wie beim Zuschauer aus Zweifel Gewissheit: Etwas ist faul am schönen Seahaven.
Peter Weirs geniale Erzähltechnik macht den Zuschauer als Voyeur zum Mittäter. Als Zuschauer ist man dabei, wenn Trumans Frau Meryl ihm perfekt und verlogen vorträumt, ein Kind von ihm zu wollen. Und man hört die Worte Marlons, der dem zweifelnden Truman versichert, dass in Seahaven alles mit rechten Dingen zugeht. Plötzlich fühlt man Mitleid mit Truman, dem Belogenen und Erniedrigten. Dem Ausgenützten und Ausgestellten. Doch Weir gibt Truman seine Würde zurück. Unentdeckt von den 5000 Kameras Christofs, gelingt es Truman, seine Flucht vorzubereiten und auszuführen. Erstmals seit 30 Jahren ist der Schöpfer der Live-Show gezwungen, die Sendung zu unterbrechen. Truman, der für den Zuschauer lange Zeit eine blosse Lachnummer war, dieser Truman kann sich am Schluss aus den Klauen seines Übervaters Christof befreien und findet mit eigener Kraft die Wahrheit.
Damit hat er plötzlich etwas den vielen Millionen Zuschauern voraus, die ihm bei seiner Befreiung zusehen. Denn die meisten von ihnen werden sich nicht aus der Umklammerung der Medien lösen. So ist Peter Weirs „The Truman Show“ nicht nur eine sorgfältige Reflexion über Wirklichkeit und Schein, sondern ein Kommentar zu unserer heutigen Medienwelt, in der sich Rentner in Nachmittags-Talk-Shows vor unbekannten Studiogästen freiwillig bis auf die Unterhosen entblössen oder Teenager über Live-Kameras Millionen Internet-User an ihrem Privatleben in den eigenen vier Wänden teilhaben lassen. Bloss hat Peter Weir den Spiess erstmals umgedreht: Seine Peep-Show starrt zurück.
Als Truman vor der Tür zur Freiheit steht, dort, wo die riesige Studiobühne zu Ende ist und das wirkliche Leben anfängt, versucht Christof verzweifelt, ihn in der Live-Sendung zu halten. Er fleht ihn übers Mikrofon an und ist zum ersten Mal ganz ehrlich zu ihm: „Glaube mir doch, Truman, dort draussen ist nicht mehr Wahrheit übriggeblieben als in dieser Welt, die ich für dich geschaffen habe.“
Dominik Slappnig
„The Truman Show“, USA 1998, Regie: Peter Weir
Film des Monats November 1998
