Sweet Sixteen

Liam fiebert seinem sechzehnten Geburtstag entgegen. Dann wird seine Mutter aus dem Gefängnis entlassen und alles soll anders werden. Das Leben mit dem zwielichten Stan und mit seinem Grossvater, die beide ihr Geld mit Drogengeschäften verdienen, scheint unerträglich. Als Liam bei einem Besuch im Gefängnis als Drogenkurier eingesetzt wird, verweigert er die Übergabe des Pakets an seine Mutter. Liam wird verprügelt, aus der Wohnung geworfen und muss sich nun selbst durchschlagen. Dabei träumt der Fünfzehnjährige von einer Familie, die er nie hatte. Er will seiner Mutter ein sicheres Zuhause bieten, damit sie nicht mehr zurück zu ihrem Freund Stan geht. Dafür braucht er Geld, das er zusammen mit seinem besten Freund auftreibt. Doch das Mitmischen im lokalen Drogenbusiness ist gefährlich. Der Jugendliche verstrickt sich immer mehr in einen Überlebenskampf, den er nicht gewinnen kann.

Ken Loach tritt in seinen Filmen für soziale Gerechtigkeit und Solidarität ein. Schon in „My Name is Joe“ hat er sich ausführlich mit der Befindlichkeit von Arbeitslosen und ihren Problemen auseinander gesetzt. Er vertritt Positionen des klassischen marxistischen Gesellschaftsbildes, wobei der Klassenkampf den entscheidenden Motor für seine Geschichten bildet. Deshalb wurde Loach schon vorgeworfen, dass er innerhalb des britischen Kinos zu sehr auf Arbeiterklasse-Tragödien mit melodramatischem Ausgang setzt. Dies ist zweifellos wahr, doch von den Romanen Zolas bis zum italienischen Neorealismus gibt es eine lange Tradition der Verbindung von Melodrama und realer Alltagswelt. Und dies tritt in „Sweet Sixteen“ in aller Deutlichkeit hervor. Hier erzählt Loach eine Geschichte, die für den jugendlichen Protagonisten derart hart und tragisch endet, dass der Glaube an eine bessere Gesellschaft beinahe verloren geht.

Die Ausstrahlung des jungen Schauspielers Martin Compston ist so gross, dass man dieser Geschichte gefesselt folgt. Was Ken Loach mit Konsequenz inszeniert ist nicht nur ein Pubertätsdrama, sondern auch eine Anklage an eine Gesellschaft, die die Kriminalisierung von Jugendlichen nicht vermeidet, sondern durch die soziale Schichtung systematisch fördert. So ist „Sweet Sixteen“ vor allem ein filmisches Lehrstück für Erwachsene, die sich dieser Realität bewusst stellen wollen. Der Film wurde wegen seiner Radikalität erst ab achtzehn Jahren freigegeben.

Trotz der Tragik und dem harten Umgangston gibt es im Film auch ausserordentlich berührende Szenen, die getragen sind von der Sehnsucht Liams nach einem Heim, seiner Lebenslust und seinem Erfindungsgeist, der ihn immer wieder aus den ausweglosen Situationen hinausführt. „Sweet Sixteen“ ist damit einer der besten und stärksten Filme dieses Kinojahres.

Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
charles.martig@kath.ch

„Sweet Sixteen“, Grossbritannien 2002, Regie: Ken Loach, Besetzung: Martin Compston, Michelle Coulter, Annemarie Fulton, William Ruane, Verleih: Filmcoopi, Heinrichstrasse 114, 8031 Zürich, Telefon: +41 (0)1 448 44 22, Fax: +41 (0)1 448 44 28, E-Mail: filmcoopi@filmcoopi.ch, Internet: http://www.filmcoopi.ch

Kinostart: 4. April 2004