Stupeur et tremblements

Wer glaubt, dass die japanische Geschäftswelt eine völlig fremde Realität ist, bekommt in diesem Film Recht. Wer glaubt, dass Japaner und Japanerinnen in dieser Arbeitswelt vollständig konform sind und in einer strengen Hierarchie Opfer ihrer eigenen Arbeitswut werden, bekommt dies bestätigt. Wer glaubt, dass sich dies in einer feinfühligen Satire nicht bis ins Groteske steigern lässt, wird bitter enttäuscht.

Die Erzählung von Amélie Nothomb über die asiatische Grundhaltung gegenüber den Vorgesetzten, die schlicht „mit Staunen und Zittern“ zu vollziehen sei, vermittelt der Film von Alain Corneau mit einer bewundernswerten Schauspielerführung. Getragen wird die Geschichte von den beiden Frauen Amélie und Fubuki, die eine aus Belgien mit Wurzeln in der japanischen Stadt Kyoto, die andere eine faszinierende Schönheit aus der Geschäftswelt von Tokio, die pflichtbewusst ihre Aufgabe in der Finanzkontrolle erfüllt und als Vorgesetzte in eine ungewollte Verstrickung mit der europäischen Angestellten gerät.

Den feinsinnigen Humor, der durch den Roman von Nothomb strahlt, nimmt der Film in der Alltagsrealität des Grossraumbüros auf, überzeichnet Ereignisse und verleiht kulturellen Missverständnissen sogar die Aura des Grotesken. Amélie sinkt immer weiter in der Hierarchie und erweist sich auch noch in der Rolle der Klofrau als Heldin des japanischen Alltags. Die wirklichen Opfer sind die Menschen, die sich den Strukturen des Grossunternehmens unterordnen müssen. Doch eigentlich sagt dieser Film viel mehr über unsere Vorurteile und lässt dies in den ironischen Passagen genüsslich bewusst werden.

Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
charles.martig@kath.ch

«Stupeur et tremblements», Frankreich 2004, Regie: Alain Corneau, Besetzung: Sylvie Testud, Kaori Tsuji, Taro Suwa, Verleih: Frenetic Films, Internet: http://www.frenetic.ch