Spagat zwischen Asien und Amerika in Cannes
Der brasilianische Film „Diarios de motocicleta“ wurde am 57. Filmfestival in Cannes, das vom 12. bis 23. Mai stattfand, von der ökumenischen Jury ausgezeichnet. Zudem lenkte sie mit der lobenden Erwähnung für „Moolaadé“ die Aufmerksamkeit auf den einzigen afrikanischen Beitrag. Während die offizielle Jury einen grossen Spagat zwischen den Filmen aus Asien und Amerika übte, würdigte die ökumenische Jury, die aus Anlass ihrer 30-jährigen Präsenz dem britischen Regisseur Ken Loach einen Spezialpreis verlieh, das Filmschaffen aus Südamerika und Afrika.
Der brasilianische Regisseur Walter Salles, der für „Central Station“ an der Berlinale 1998 ausgezeichnet wurde, erzählt in seinem neuen Film von zwei argentinischen Medizinstudenten, die 1952 mit einem alten Motorrad aufbrechen, um den lateinamerikanischen Kontinent zu entdecken. Ihre Namen sind Alberto Granado und Ernesto Guevara, hervorragend gespielt vom 25-jährigen Schauspieler Gael Garcia Bernal, der (ausser Konkurrenz) bereits in Almodovars „La mala educacion“ herausragte und deshalb als Anwärter für den Preis als bester männlicher Darsteller galt. Was zunächst als eine mit herkömmlichen Mitteln realisierte Reise unbedarfter jugendlicher Abenteurer durch abwechslungsreiche Landschaften von Argentinien über Chile, Peru und Kolumbien bis nach Venezuela erscheint, wird immer mehr zu einer berührenden Konfrontation mit der sozialen Wirklichkeit, wie sie sich beispielsweise in den Kupferminen Chiles oder in einer Leprastation des Amazonas zeigt. Und der Zuschauer beginnt spätestens bei der Begegnung mit dem gealterten Alberto Granada am Ende des Films zu verstehen, warum sich Ernesto Guevara in der Folge dieser Reise zum legendären „Che“ verändert hat. Unter Presseleuten galt der Film bis zuletzt als Anwärter auf einen Preis. „Diesen Film auszuzeichnen wäre ein Zeichen der Hoffnung. Nicht nur politisch, sondern auch für das lateinamerikanische Kino“, schrieb Nicole Hess im Tages-Anzeiger vom 22. Mai. Warum es einzig die ökumenische Jury getan hat, bleibt eine offene Frage.
„Moolaadé“ – Afrika zwischen Tradition und Moderne
Aus der offiziellen Festivalreihe „Un certain regard“ zeichnete die ökumenische Jury den Film „Moolaadé“ des renommierten senegalischen Regisseurs Ousmane Sembène aus, der im nichtgewerblichen Film- und Videoverleih ZOOM durch seinen Film „Guelwaar“ vertreten ist. Im Vordergrund des neuen Films steht ein friedlich wirkendes Dorf, das plötzlich zum Mittelpunkt einer Konfrontation zwischen Tradition und Moderne wird, weil sich eine Mutter weigert, ihre Tochter beschneiden zu lassen. Unvermittelt fliehen vier andere Mädchen vor dem Beschneidungsritual und stellen sich unter ihren Schutz. Im Widerspruch zwischen Tradition und dem Recht auf Asyl entwickelt sich eine universelle Dilemmageschichte, in der der aus Frankreich zurückkehrende Sohn des Dorfchefs eine entscheidende Rolle einnimmt. Am Ende rivalisiert die von ihm installierte Fernsehantenne mit dem Minarett der Moschee und signalisiert den Umbruch.
Kirchliche Zeremonien und …
Die internationalen kirchlichen Filmorganisationen INTERFILM und SIGNIS (früher: OCIC) sind seit 1974 mit einer ökumenischen Jury in Cannes präsent, unterstützt von den nationalen Organisationen Pro-Fil und Chrétiens-Medias, sowie einem grossen Kreis von Freiwilligen, die sich für die Organisation eines Standes am Filmmarkt, die Pressearbeit und andere öffentliche Auftritte der Jury in Cannes engagieren. Am ersten Festivalsonntag fanden im Beisein der jeweiligen Juryvertreter konfessionell getrennt Mess-, bzw. Abendmahlsfeiern statt. Am Abend vor Auffahrt wurde dann in der anglikanischen Kirche mit Beteiligung von Vertretern katholischer, protestantischer, freikirchlicher, anglikanischer und orthodoxer Kirchen ein ökumenischer Gottesdienst durchgeführt. Mit Jean Arnold de Clermont hielt ein prominenter Kirchenvertreter die Predigt. Er ist Präsident der Fédération Protestante de France und zugleich Präsident der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK).
… Preisübergabe inklusive Protestaktion
Die kirchlichen Filmorganisationen INTERFILM und SIGNIS nahmen das Jubiläum der ökumenischen Jury in Cannes zum Anlass, den britischen Regisseur Ken Loach mit einem Spezialpreis für sein Gesamtwerk zu ehren. Loach ist von der ökumenischen Jury an verschiedenen Festivals wie kein anderer mit zahlreichen Preisen und lobenden Erwähnungen ausgezeichnet worden, in Cannes bereits 1981 für „Looks and Smiles“, 1990 für „Hidden Agenda“, 1995 für „Land and Freedom“ und 1998 mit dem Templeton Filmpreis für „My name is Joe“. Loach’s Gesamtwerk zeigt, dass er auf der Seite der Menschen ist, die leiden und gleichzeitig kämpfen, die Grund haben, enttäuscht zu sein und trotzdem hoffen. So war es denn auch typisch, dass Loach an der Zeremonie für die Überreichung des Preises den französischen „Intermittants“, den Teilzeitangestellten aus dem Kulturleben, die mit verschiedenartigen Aktionen fast täglich an der Croisette für die Verbesserung ihres Versicherungs- und Pensionssystems demonstrierten, das Mikrofon übergab.
Hohe Präsenz amerikanischer und asiatischer Filme
Die USA stellten in der offiziellen Jury mit Quentin Tarantino nicht nur den Jurypräsidenten, sondern noch drei weitere Mitglieder. Im Wettbewerb war Amerika mit insgesamt vier Titeln vertreten. Auch der Abschlussfilm und fünf weitere Titel, die ausser Konkurrenz gezeigt wurden, kamen aus den USA. Cannes versuchte offensichtlich, seine Beziehungen mit Hollywood gegenüber dem Vorjahr zu verbessern. Gleichzeitig fand eine Öffnung gegenüber dem asiatischen Kino statt, das mit starken Filmen präsent war. Auch bezüglich der vertretenen Genres wartete Cannes dieses Jahr mit neuen Perspektiven auf. Mit „Shrek 2“ und „Innocence“ waren neben zwei Dokumentarfilmen und fünfzehn Spielfilmen auch zwei hochstehende Animationsfilme aus den USA und Japan vertreten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten.
Trotz starker asiatischer Filme – Michael Moore als Überraschungssieger
Die asiatischen Filme hinterliessen allesamt einen starken Eindruck, unter ihnen „Nobody Knows“ des Japaners Kore-Eda Hirokazu, dessen 14-jähriger Hauptdarsteller Yagira Yuya mit dem Preis als bester Darsteller ausgezeichnet wurde. Einen breiten Raum nahm in der Berichterstattung neben zwei koreanischen Filmen auch der erste thailändische Wettbewerbsbeitrag „Tropical Malady“ ein, der einen archaischen Erlösungsmythos thematisiert. Anstelle des hoch gelobten und sensiblen Films „2046“ des Honkong-Chinesen Wong Kar-wai gewann die Goldene Palme schliesslich der eher holzschnittartig wirkende Dokumentarfilm „Fahrenheit 9/11“ des erklärten Bush-Gegners Michael Moore. Diese Auszeichnung ist überraschend und als klare politische Entscheidung der Festivaljury zu werten.
Hans Hodel, INTERFILM
hanshodel@swissonline.ch
| Preis der ökumenischen Jury 2004:
Diarios de motocicleta (Carnets de voyage) „Ausgehend von den Reisetagebüchern Ernesto Che Guevaras schildert Walter Salles den Bewusstwerdungsprozess des jungen Che. Mit den Stilmitteln des Roadmovies zeigt er, wie der junge Medizinstudent sein Mitgefühl für die Anderen in ihrem Leiden entdeckt. Hier entsteht das Bewusstsein für die lateinamerikanische Realität seiner Zeit. Wir sehen, wie Ches Verlangen nach sozialer Gerechtigkeit wächst. Der Film lenkt die Aufmerksamkeit auf einen Kontinent, dessen soziale und politische Probleme bis heute auf eine Lösung warten.“ Lobende Erwähnung: Moolaadé „Der Film kritisiert einen extremen Islamismus, der die Religion missbraucht, um junge Mädchen zur Klitorisbeschneidung zu zwingen. In Ousmane Sembènes Film fordern die Frauen eines senegalesischen Dorfes die Abschaffung dieses Rituals. Der Film setzt das ländliche Alltagsleben präzise und farbenreich in Szene. Er erzählt eine Geschichte, in der Tradition und Moderne miteinander verwoben sind und in der das Dorf zur Theaterbühne eines Lehrstücks wird.“ Mitglieder der ökumenischen Jury 2004: Peter Malone, Australien (Präsident) |
Links:
juryoecumenique-cannes.cef.fr
http://www.festival-cannes.org
http://www.signis.net
http://www.inter-film.org
