Shame
Brandon sieht gut aus und ist beruflich erfolgreich. Doch schnell wird klar, dass er alles andere als glücklich ist. Bereits morgens in der U-Bahn taxiert er Frauen mit dem einzigen Ziel, schnellen, unverbindlichen Sex zu haben. Abends bewegt er sich am heimischen Computer in einschlägigen Chats, im Schrank Kisten voller Pornos. Der Film beobachtet einen Süchtigen, der in einer selbstzerstörerischen Abhängigkeit gefangen ist. Wie gross sein Problem ist, wird ihm erst bewusst, als sich seine exaltierte Schwester bei ihm einquartiert. Denn Nähe und Vertrautheit ist ihm völlig abhanden gekommen, ja er hat geradezu Angst davor.
Ähnlich wie bei Alkoholikerdramen zeichnet der Film über Sexsucht schmerzhaft nach, wie einer inmitten der allergrössten Freiheit Gefangener seiner selbst wird. Durch die Möglichkeit der ständigen Verfügbarkeit anderer Körper verliert Brandon die Hoheit über seinen eigenen. Sein Hochglanzleben in New York ist nach innen hin hohl und hässlich. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis man dies auch seinem Körper ansieht. Michael Fassbender spielt diesen Triebgesteuerten mit Bravour und gibt sich von plakativen Szenen bis hin zu minimalistischem Mimenspiel voll hinein. Carey Mulligan steht ihm als dessen Schwester in nichts nach. Natürlich ist einige nackte Haut zu sehen, doch ist «Shame» sicherlich kein erotischer Film, sondern zeigt erschütternd den Verlust echter Intimität.
Christine Stark, Filmbeauftragte Reformierte Medien
Christine.stark@ref.ch
«Shame», Grossbritannien 2011, Regie: Steve McQueen, Besetzung: Michael Fassbender, Carey Mulligan, James Badge Dale, Nicole Behaire, Hannah Ware; Verleih: Frenetic Films, http://www.frenetic.ch
Kinostart: 8. März 2012
