September 11 im Kino

In der Art und Weise der Erinnerung des 11. Septembers scheint eine bestimmte Perspektive auf. Sie kann helfen kollektiv Trauer zu verarbeiten, verschiebt aber gleichzeitig den Fokus in der historischen Tiefenschärfe. War dieses Ereignis wirklich der „schlimmste Angriff auf die Freiheit in der Geschichte der Menschheit“? Welches Erzählmuster ist hier angemessen und in welchem geschichtlichen Kontext stehen die Ereignisse des 11. Septembers 2002? Der britische Filmemacher Ken Loach relativiert diese Sichtweise zusammen mit zehn Regisseuren und Regisseurinnen, indem er in dem Episodenfilm „11´ 09´´ 01 – September 11“ auf die Geschichte Chiles zurückblendet.

Elf Regisseure und Regisseurinnen aus elf Ländern haben in einer filmischen Kompilation versucht, in je elf Minuten das zu vollbringen, was das nichtamerikanische Kino seit je versucht: Der Geschichte einen Kontext zu geben, die Geschichten historisch zu verankern oder sie aus den üblichen Erzählmustern herauszulösen. Dem Rest der Welt eine Stimme zu geben. „11´ 09´´ 01 – September 11“ (der Titel steht für elf Minuten, 9 Sekunden, 1 Bild) wurde als Projekt am Filmfestival Cannes vorgestellt, an der Mostra von Venedig hatte der Episodenfilm seine Premiere. Was Sean Penn, der kritische Hollywood-Star und Regisseur dort ankündigte – den Versuch, der filmischen und politischen Kriegsrhetorik der USA etwas entgegenzusetzen -, ist von Filmschaffenden wie Ken Loach oder Claude Lelouch aus Europa, Idrissa Ouedraogo oder Jussef Chahine aus Afrika, Samira Makhmalbaf aus Iran, Mira Nair aus Indien oder Imamura aus Japan erwartungsgemäss äusserst unterschiedlich ausgelegt worden. Amerikafeindlich ist keiner der Beiträge, die Opfer des Attentats betrauern sie fast alle ohne Wenn und Aber, doch die Relativierung der Superlative zum „schlimmsten Angriff auf die Freiheit in der Geschichte der Menschheit“ erhält dezidierten Ausdruck. Dies zeigt sich als das gemeinsame Anliegen der kulturell verschiedenen Filmschaffenden.

Der Brite Ken Loach lässt einen Exil-Chilenen in London sich des 11. Septembers erinnern: Nur ist es der 11. September 1973, der Tag, an dem die demokratische Regierung Allende mit Hilfe der USA von den Militärs weggeputscht wurde. 30´000 Menschen haben in der Folge, in grauenhaften Blutbädern und in den Kellern der von US-Organisationen ausgebildeten Folterknechte, ihr Leben verloren, Zehntausende ihre Heimat und ihre Existenz.

Loach hat für seinen Beitrag am Filmfestival Venedig eine Auszeichnung des internationalen Filmjournalistenverbandes FIPRESCI erhalten. Er hat dazu ein kurzes Dankeswort verfasst:

„A big thank you to the Festival from all of us who made this short film about my friend Vladimir Vega – Pablo – who was imprisoned and exiled from his native Chile after the Americans installed the dictator Pinochet on September 11th, 1973. Our film is just one part of a feature film about another September 11th. We are very proud to be part of this exciting project, brilliantly conceived by Alain Brigand and Galatee films. The events of September 11th are in danger of being interpreted in only one way. Everyone knows how it happened. No-one seems to be asking why. This film, 11.09.01, has important things to say about that. Looking back over the last half century, from Vietnam and Cambodia, through Chile, Nicaragua, El Salvador to the Middle East, we are bound to ask, who are the real terrorists? – Thank you again for this most important recognition.“
Ken Loach

„11´ 09 01 – September 11“ kommt im Oktober in die Schweizer Kinos
 
 
 
Quellen:

Klaus Eder, Fédération Internationale de la Presse Cinématographique (FIPRESCI),
München, 11.09.02

Pia Horlacher: „9/11“ – Die Erzählung der Katastrophe. Für die Bilder der Erinnerung liefert Hollywood die Muster. Und stösst auf Widerspruch. In: NZZ am Sonntag vom 8.9.2002.

http://www.nzz.ch/2002/09/08/fe/page-article8DH18.html