Schlagen und Abtun

Ein Hornusser beim Training: Er befestigt das „Träf“, einen kunstvoll gearbeiteten Hartholzzylinder, am langen, äusserst biegsamen „Stecken“ aus Fiberglas oder Carbon. Dann konzentriert er sich, holt mit dem „Stecken“ aus, um den „Nouss“, eine runde, schwarze Hartkunststoffscheibe, vom „Bock“, einem im Boden verankerten Metallgestell, zu schlagen. Schnitt: Mit dem Handy telefoniert der Mann mit seinem Büro.

In der Anfangssequenz dieses Dokumentarfilms ist bereits die ganze thematische Spannweite zwischen Tradition und Moderne enthalten. Dem Hornussen, das auf eines von zahlreichen, im Mittelalter über ganz Europa verbreiteten Schlagballspielen zurückgeht, frönten bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts ausschliesslich Emmentaler Bauern. Seit 1902 gibt es einen Eidgenössischen Hornusserverband. Das archaisch anmutende Spiel mit seinen ebenso kraftvollen wie elegant-schwungvollen Bewegungen gehört zum Inbegriff eines bodenständigen bäuerlichen Schweizer Brauchtums, entwickelt sich aber immer mehr vom Sonntagsvergnügen zum Spitzensport, bei dem kaum noch Bauern mitwirken.

Das Spiel wird wettkampfmässig zwischen zwei Mannschaften ausgetragen: Die „Schläger“ schlagen den „Nouss“ bis zu 350 Meter weit in das „Ries“ genannte Zielfeld, wo die „Abtuer“ aufgestellt sind und Holzbretter („Schindeln“) in die Höhe werfen, um den „Nouss“ zu stoppen („Abtun“), bevor er den Boden erreicht. In stimmungsvollen Aufnahmen und Stilstudien (Kamera: Peter Guyer) wird die Faszination dieses eigenartigen Wettkampfspiels spürbar. Mit verfremdeten Alphornklängen (Musik: Felix Hochuli) werden manchmal fast irritierende Akzente geschaffen, die deshalb so stark wirken, weil sie beispielhaft sparsam eingesetzt sind.

Aber „Schlagen und Abtun“ ist weit mehr als ein Film über das Hornussen, weil dieses eigentlich nur als roter Faden dient, um das Umfeld der Spieler darzustellen. Damit wird dieses filmische Dokument zu einem facettenreichen Spiegel der Befindlichkeit einer sich am Ende dieses Jahrhunderts im Umbruch befindlichen Mittellandschweiz. Norbert Wiedmer hat zwei Jahre lang vier Hornusser mit der Kamera begleitet, hat sie in ihrem Berufs- und Familienalltag sowie bei Spielvorbereitungen, beim Training und bei der Teilnahme an Wettkämpfen gefilmt. Entstanden sind aufschlussreiche Porträts, die einen Einblick ermöglichen in das Denken, Fühlen und Handeln von Menschen, die privat wie beruflich von rasanten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen betroffen sind.

„Ein Chronist wollte ich sein, genau beobachtend, ab und zu einen ironischen Blick werfend, ohne Häme“, erklärte Norbert Wiedmer. Dieses Vorgehen belegen im öffentlichen Bereich – neben anderen im häuslichen Bereich, etwa beim Umgang der männlichen mit ihren weiblichen Partnern – zwei Sequenzen: Wenn sich Hornusser an einer PR-Veranstaltung als „ein einig Volk von Watchern“ vereinnahmen lassen oder das gelbe Markenzeichen „M“ des Sponsors McDonald´s auf ihre „Schindeln“ malen und versprechen „Wir halten das M in Ehren!“, dann wird nicht nur dokumentiert, wie sich ein traditionelles Brauchtum modernen Erfordernissen anpasst und dem Zwang zur Kommerzialisierung seinen Tribut zollt, sondern es wird auch ein Verlust an Würde sichtbar.

„Schlagen und Abtun“ besteht aus 52, durch Schwarzblenden getrennte, assoziative Fragmente, die sich erst allmählich zu einem Gesamtbild mit zahlreichen Facetten und Widersprüchen verdichten. Sichtbar wird eine schweizerische Wirklichkeit zwischen Tradition und Moderne, zwischen Beharrung und Beschleunigung, und wie sich Zeitgenossen darin zu behaupten suchen.

Franz Ulrich (gekürzt)

Schlagen und Abtun, Schweiz 1999, Regie: Norbert Wiedmer

Film des Monats April 1999