Ryna
Wenn sich Ryna in ihrem ölverschmierten Overall über ein Auto mit offener Motorhaube beugt, wähnt man ein selbstbewusstes Mädchen vor sich, das gegen alle Rollenerwartungen macht, was es will. Das Gegenteil ist der Fall im wortkargen Erstling von Ruxandra Zenide. Ryna würde nämlich gerne anders leben und auch mehr Frau sein, als sie darf. Doch ihr Vater, der eine heruntergekommene Tankstelle im wilden Nordosten Rumäniens betreibt, drängt sie in die Rolle des fehlenden Sohnes. Seinem herrischen Wesen kann sie nur selten entrinnen. Und in einer männlich dominierten Gesellschaft fehlen ihr Vorbilder und Unterstützung.
Der Film taucht ein in eine spröde, verarmte Gegend, und spröde ist auch seine Erzählweise. Oft hält sich die Kamera nahe bei der Protagonistin in ihrem stillen Kampf um Selbstbestimmung und bleibt doch zugleich auf Distanz zum Geschehen. So entsteht jene eigenartige Mischung aus Beteiligung und Beobachtung, die Cineasten seit jeher bannt und begeistert. Die schweizerisch-rumänische Regisseurin Zenide hat ihre universale Entwicklungsgeschichte mit einer Momentaufnahme des Überlebens im europäischen Osten kombiniert. Ein deutungsoffener Hintergrund, der mehr als nur Kulisse ist. Zuletzt findet der Film zu einem optimistischen Ton, wenn er seine zähe Heldin der Trostlosigkeit nicht preis gibt.
Christine Stark, Filmbeauftragte Reformierte Medien
christine.stark@ref.ch
«Ryna», Schweiz/Rumänien 2005, Regie: Ruxandra Zenide, DarstellerInnen: Dorothea Petre, Valentin Popescu, Nicolae Praida, Verleih: Filmcooperative Zürich, Internet: http://www.filmcoopi.ch
Kinostart: 18. Mai 2006
