Ruhig begangene Zeitenwende

Am ersten Advent trafen sich in der Klosterkirche Einsiedeln Christen verschiedener Konfessionen, Hindus, Buddhisten und Muslime zu einem gemeinsamen Friedensgebet. Schweizer Fernsehen DRS widmete dem Ereignis im Rahmen der „Sternstunden“ eine dreistündige Live-Sendung. Die Art und Weise, wie sich die Produktion mit dem Thema „interreligiöser Dialog“ beschäftigte, enthält beispielhafte Züge.

Der fernsehtechnische Aufwand für die „Sternstunden“ zum Advent 2000 ist mit dem für die Übertragung eines Skirennens zu vergleichen – und diese Referenz attestiert dem TV-Ereignis riesige Ausmasse: neun Kameras, der grösste Übertragungswagen von Schweizer Fernsehen DRS sowie sechs Kilometer Kabel kamen am ersten Advent in Einsiedeln zum Einsatz. Die Sendung, deren Planung insgesamt eineinhalb Jahre beansprucht hat, berichtete drei Stunden lang von sieben verschiedenen Schauplätzen rund um die Klosterkirche. Auch die Einschaltquoten lassen sich sehen. In der deutschen Schweiz sahen durchschnittlich 100´000 Menschen die „Sternstunden“ zum Advent 2000, das entspricht einem Marktanteil von zwanzig Prozent. Bei einer „gewöhnlichen“ Gottesdienstübertragung schauen maximal 40´000 bis 60´000 Leute zu.

Was sich rund um das Benediktinerkloster abspielte, war aber keineswegs nur ein hübsch aufgemachtes Spektakel fürs Fernsehen, die Begegnung der insgesamt zehn verschiedenen Konfessionen und Religionsgemeinschaften nicht bloss ein einmaliger telegener Aufmarsch. Denn die Sendung zum neuen Kirchenjahr baute auf schon bestehenden Strukturen auf, nämlich den interreligiösen Beziehungen des Klosters Einsiedeln. Die dort ansässigen Mönche pflegen Kontakte zu den Buddhisten im zürcherischen Rikon und heissen katholische Tamilinnen und Tamilen regelmässig willkommen. In der Stiftsschule drücken neben den christlichen und konfessionslosen Schülerinnen auch Muslime die Bänke. Und wer hat gewusst, dass seit 1983 koptische Priester im Kloster logieren?

In den drei Stunden kamen vorwiegend Frauen und Männer der Basis von Kirchen und Religionsgemeinschaften zu Wort. Von diesen persönlichen Gesichtern und Standpunkten lebten die „Sternstunden“ – und sie wären weit weniger eindrücklich geworden, hätten hauptsächlich Vertreter aus der Leitung von Glaubensgemeinschaften das Sagen gehabt.

Verwegen oder bescheiden?

Dass der Dialog zwischen verschiedenartigen Konfessionen und Glaubensgemeinschaften nicht zum buntgemischten Religionen-Eintopf wurde, ist ein weiterer Pluspunkt der Spezialsendung zum Advent 2000. Den Zuschauenden wurden keine Illusionen in Bezug auf die interreligiöse und ökumenische Begegnung vorgegaukelt. Die eingeschobenen Dokumentationen waren sachlich informativ, schufen einen übersichtlichen Aufbau und leiteten die jeweils folgenden Teile gut ein.

Was ist von dem interkonfessionelle und interreligiöse Friedensgebet zu halten? Diejenigen, die in keiner Religion verwurzelt sind und von aussen auf das Ereignis schauen, halten das Ganze für eine eher bescheidene Leistung. Solche, denen die Schwierigkeiten eines interreligiösen Dialoges schmerzlich bewusst sind, bezeichnen das Zusammentreffen der Glaubensgemeinschaften als grossartig. Und für jene Leute, denen der Atem stockt, wenn eine prächtig geschmückte hinduistische Tänzerin durch die Einsiedler Kirche glöckelt, ist die interreligiöse Gebetsstunde verwegen.
Wie auch immer man sie beurteilt – von einem zeugt die Feier zum Beginn des neuen Kirchenjahres bestimmt: von einem ruhigen Umgang mit der andernorts so hektisch umfieberten Jahrtausendwende.

Sabine Schüpbach

Stimmen zur Sendung:

„Das hat mich gepackt: Menschen – Frauen, Männer und Jugendliche – aus verschiedenen Kulturen, Religionen und Konfessionen vereint zum gemeinsamen Gebet für Gerechtigkeit und Frieden. Da wurde nicht missioniert, nicht ausgegrenzt und nicht einvernahmt, sondern über alles Trennende hinweg Zeugnis abgelegt für die gemeinsame Verantwortung gegenüber Schöpfung und Menschheit. Mit den anderen, der eindrücklichen sakralen Feier in der Wallfahrtskirche vorausgehenden Beiträgen waren diese drei „Sternstunden“ des Fernsehens DRS wirkliche Sternstunden: Sie setzten ein nachhaltiges, starkes Zeichen der Hoffnung für das nächste Jahrtausend, dessen Probleme nicht mit Konfrontation, sondern nur im gemeinsamen Gespräch und Handeln zu bewältigen sein werden. – Ein Fremdkörper und der Würde der übrigen Teile nicht angemessen war die eine innere Sammlung und Besinnung störende optische Spielerei während des „Salve Regina“: eine eitle Demonstration von Manipulation und technischem Machbarkeitswahn.“
Franz Ulrich
Sah die „Sternstunden“ im Fernsehen

„Es hat mich beeindruckt, dass es überhaupt möglich war, die Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen Konfessionen und Glaubensgemeinschaften zu einem Friedensgebet zusammenzubringen. Den Gottesdienst habe ich als ein ernsthaftes Miteinandern erlebt. Er zeigte, dass man Gott in ganz verschiedenen Formen feiern kann – beispielsweise auch wie die hinduistischen Tänzerinnen im Tanz. Obwohl der Gottesdienst vom Fernsehen übertragen wurde, und somit eine Inszenierung war, ist es gelungen, eine feierliche Atmosphäre zu schaffen. Die Besucherinnen und Besucher wurden ins Geschehen mit einbezogen. Und nicht zuletzt hat mir gefallen, dass die Feier einen Kontrapunkt zum allgemeinen Milleniumstrubel darstellte.“
Anemon Eglin, Pfarrerin in Zürich
War mit einer Pilgergruppe nach Einsiedeln unterwegs und nahm am Gottesdienst teil.

„Auf Worte sollten Taten folgen; und dies ist in Einsiedeln am vergangenen Sonntag nicht eigentlich geschehen. Gleichwohl ist die Symbolik enorm denkwürdig, wenn die grossen Weltreligionen unter einem Dach zusammentreffen. Das interreligiöse Friedensgebet war kein politisches Mandat von Kirchengrössen, sondern ein Treffen von Menschen, die unter uns leben. Dieses Zeichen des Friedens ist für mich eine grosse Hoffnung für das kommende Jahr und die hundert Jahre danach; die Hoffnung, dass auch wirklich Taten für gelebten religiösen Frieden folgen können.“
Martin Peier, Pfarrer, Radio- und Fernsehbeauftrager DRS des Evangelischen Mediendienstes

„Es war ein Abenteuer, fünf verschiedene Weltreligionen zu einer gemeinsamen Gebetsstunde in die Klosterkirche von Einsiedeln einzuladen. Beeindruckend dann die Bereitschaft und Offenheit aller Beteiligten, sich auf diesen gemeinsamen geistlichen Weg – auch eine Art von Wallfahrt! – einzulassen und Formen zu suchen, zu denen alle Ja sagen konnten. Beeindruckend die Offenheit und der Mut des Abtes und der Klostergemeinschaft von Einsiedeln, die Tore – auch die Tore des Herzens – zu öffnen und die Gestaltung der Sendung kreativ mit zu tragen. „Kein Weltfriede ohne Friede zwischen den Religionen“, an dieses Wort von Prof. Hans Küng erinnerte ich mich, während wir uns im Übertragungswagen bemühten, die interreligiösen Gebetsstunde unter der Weihnachtskuppel von Einsiedeln live in die Schweiz und über 3 Sat in ganz Europa zu übertragen. Eine adventliche Sendung, die uns allen Hoffnung und Mut gemacht hat.“
Willi Anderau, Katholischer Fernsehbeauftragter

„Es war anstrengend und es hat sich gelohnt! Die „Sternstunden“ zum Advent bedeuteten für mich viel Arbeit. Während drei Stunden war ich pausenlos auf Draht. Es hatte mehrere Protagonisten, eine grosse Anzahl Kameras – ich war sehr erstaunt, dass alles so gut geklappt hat. Beeindruckt war ich auch vom Engagement und der Motivation der ganzen Equipe.
Dass sich in Einsiedeln verschiedene Religionen und Konfessionen traffen, hat mich sehr berührt. Für mich wurde dort ein anderes Gesicht der katholischen Kirche sichtbar, das einer offenen, toleranten Kirche, die sich für eine gleichberechtigte Behandlung aller Menschen einsetzt. „
Verena Lied, Hauptregisseurin „Sternstunden“