Reise zur Sonne (Günese yolculuk)

Die aus dem Osten der Türkei stammende Regisseurin Yesim Ustaoglu erzählt vom schwierigen Überleben im Klima von Intoleranz und Staatswillkür. Ihr Film wurde an der Berlinale 1999 mit dem Blauen Engel als ?bester europäischer Film zu einem brisanten aktuellen Thema“ und mit dem Friedensfilmpreis ausgezeichnet. Zwar wird im Film kein einziges Mal das Wort Kurdistan ausgesprochen, aber seit ?Yol“ (1982) von Serif Görens ist ?Reise zur Sonne“ nach langer Zeit der erste türkische Film, in dem Kurdisch gesprochen wird. Politik, sagte die 38-jährige Regisseurin an der Pressekonferenz der diesjährigen Berlinale, sei nur der Hintergrund ihres Films. Vor allem wolle sie etwas erzählen ?über Menschen“, die in der Fremde ihr Glück suchen“. Aber die Pressekonferenz war streng bewacht, und vor der Filmvorführung gab es polizeiliche Personenkontrollen. Der Zufall wollte es, dass in der Nacht zuvor in Nairobi PKK-Führer Abdullah Öcallan verhaftet worden war.

Der Einstieg in das emotional packende Drama weckt noch Neugier und Sehnsucht nach dem atmosphärischen Reiz der Weststadt Istanbul am Bosporus, dem Schnittpunkt von Okzident und Orient. Doch das poetisch anmutende Wechselspiel von Licht und Wasser, die quirlende Urbanität, die originäre Exotik sind nur trügerisches Vorspiel für die Odyssee einer Hand voll junger Menschen in Not: Sie werden von der inhumanen Maschinerie eines undurschaubaren Machstsystemes aufgesogen. Das Istanbul der Neunzigerjahre ist immer noch ein irritierender Schmelztiegel voller gravierender sozialer, religiöser, politischer Probleme, in dem eine bedrohliche staatliche Polizei- und Militärwillkür regiert. Doch Istanbul ist nicht der einzige Handlungsort. Je mehr sich die Geschichte zuspitzt, umso mehr verlagert sich das Geschehen in die karge gebirgige Landschaft östlich der Hauptstadt, wo ebenfalls Zeichen von Bedrohung und Zerfall auszumachen sind: Entlang der Bahnlinien und Strassen stehen Wachtürme, ständig tauchen schwerbewaffnete Militärpatrouillen auf und im Hinterland stehen ganze Dörfer unter Wasser; grabsteinartige Mahnmale für eine gewaltsam zerstörte Lebenskultur.

?Reise zur Sonne“ erzählt von der zufälligen und unglücklichen Freundschaft zweier Männer, die auf der verzweifelten Suche nach Heimat und Identität sind. Berzan (Nazim Qirix) ist kurdischer Strassenhändler und politischer Aktivist, der lebensunerfahrene Mehmet (Newroz Baz) dagegen ist ein Türke, der sich als Rohrprüfer bei den Wasserwerken verdingt. Wegen seiner auffällig dunklen Hautfärbung wird er fatalerweise oft für einen Kurden gehalten und diskrimiert. Das Schicksal nimmt seinen Lauf, als bei Mehmet bei einer Ausweiskontrolle eine Pistole gefunden wird, die ihm allerdings nicht gehört. Der Unschuldige wird als Terrorist festgesetzt, verhört, misshandelt, eingesperrt. Endlich wieder in der Freiheit, muss er schmerzlich erkennen, dass ein normales Leben fortan unmöglich ist: Mehmet verliert seine Arbeitsstelle und wird von den Kollegen geschnitten. Dank der Liebe von Arzu (Mizgin Kapazan), einer modern denkenden Türkin, hält Mehmet durch – auch nach dem Tod seines Freundes Berzan – und fasst schliesslich neuen Lebensmut.

Yesim Ostaoglus Film besticht durch eine betont langsame Erzählweise und eine berückende formale Schönheit. Er öffnet über ein anrührendes Einzelschicksal den Blick auf ein regionales politisches Problem und bringt eine universelle Botschaft auf die Leinwand: „Reise zur Sonne“ ist ein Plädoyer für den Willen zum Widerstand, die Aufforderung für eine Reise der Hoffnung.

Michael Lang / Hans Hodel

Reise zur Sonne (Günese yolculuk), Türkei / D / NL 1999, Regie: Yesim Ustaoglu

Film des Monats August 1999