Petrov’s Flu

Ein Bus fährt in der Dunkelheit. Der Automechaniker Petrov hustet, er fühlt sich fiebrig. Neben ihm wird ein alter Mann verprügelt und aus dem Bus geworfen, weil er unanständig mit einem Mädchen gesprochen hat. Sein Gebiss liegt in zwei Teilen auf dem Boden des Busses herum. Petrov steckt es ein.

So beginnt der neue Film von Kirill Serebrennikov, der sich schnell zu einem verschachtelten Fiebertraum entwickelt. Als Publikum begleitet man Petrov durch seine von der Grippe ausgelösten Fieberfantasien. Dabei erlebt man eine Sauftour, Flashbacks in seine Kindheit und wieder zurück in sein Familienleben. Der bunte Reigen wird zusätzlich durch verschiedenste skurrile Figuren aufgemischt. Darunter ist ein suizidaler Schriftsteller, der sich für genial hält, oder Petrovs Frau, die mit Hilfe von Superkräften zur ruchlosen Killerin mutiert. Oftmals ist es eine Herausforderung, Fieberwahn und Realität voneinander zu unterscheiden. Beispielsweise, wenn das von Petrov eingesammelte Gebiss mit ihm zu sprechen beginnt.

Serebrennikov überhöht die Charaktere. Er verleiht ihnen Masken, um ihr wahres Ich besser herauszuarbeiten. Dabei scheut er keine Absurdität und ist in seiner Inszenierung radikal direkt. Dieser Film ist eine zweieinhalbstündige Darstellung der Ängste Russlands. Es ist ein cineastischer Pulsmesser einer ganzen Nation. Dennoch sollte man den Film nicht als Abbild dieses Landes und seiner Menschen sehen, sondern als bitterböse Karikatur.

Silvan Maximilian Hohl, Filmemacher und Multimediaproduzent

Ab 23. Juni im Kino

«Petrov’s Flu», CH, FR, RU, DE 2021; Regie: Kirill Serebrennikov; Darsteller*innen: Semyon Serzin, Chulpan Khamatova, Elene Mushkaeva; Verleih: Xenix Filmdistribution GmbH,
Filmwebsite: http://www.xenixfilm.ch/de/film_info.php?ID=12015