Multikulturelle Begegnungen im Schweizer Film

Die Jubiläumsausgabe der Solothurner Filmtage hat sich erneut als Treffpunkt und Publikumsmagnet erwiesen. 42´000 Zuschauer wollten sich die 257 ausgewählten Filme anschauen. Der starke Jahrgang war geprägt vom Thema der Multikulturalität in der Schweiz. Filme wie „Ma famille africaine“, „Klingenhof“ und der mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnete „Tout un hiver sans feu“ stellen Erfahrungen der Fremdheit in der Heimat und der multikulturellen Begegnung in den Mittelpunkt.

Thomas Thümena lebt in Zürich und ist mit Léa Zeze aus Abidjan verheiratet. Sie leben zwischen zwei Kulturen. Wie anstrengend das sein kann, zeigt Thümena in „Ma famille africaine“, einem entlarvenden „Home Movie“ über die eigentliche Unmöglichkeit zwischen der Schweiz und Afrika den gemeinsamen Nenner zu finden. In der Einführung zum Film betonte der Regisseur in Solothurn, er sei immer noch mit Frau und Kind zusammen. Mit viel Witz und Engagement zeigt der Film die alltäglichen Schwierigkeiten der Inkulturation: Bei Léa offenbart sich dies bei ihrem Vorhaben, sich als Laborassistentin ausbilden zu lassen, bei Thomas darin, dass er partout nicht verstehen will, weshalb er seiner Familie an der Elfenbeinküste regelmässig Geld senden muss. Die ganze afrikanische Familie wächst einem ans Herz und trotzdem bleibt ein Gefühl der Fremdheit – wohl nicht zuletzt wegen des eigenen Lebensstils in der Schweiz.

Mikrokosmos Klingenhof – Zürich Kreis 5

Beatrice Michel präsentiert in ihrem Film „Klingenhof“ den gleichnamigen Innenhof in Zürichs Kreis 5, in dem sich verschiedene Kulturen begegnen. Es ist der Wohnort von Michel und ihrem verstorbenen Partner Hans Stürm, der die Kamera führte. „Klingenhof“ ist ein sehr ruhiger und besonnener Film, der die Multikulturalität behutsam angeht und alltägliche Bilder des Zusammenlebens zeigt. Der Mikrokosmos „Klingenhof“ steht jedoch für mehr als ein besonderes Biotop: Es ist der Raum, wo sich Menschen aus der Schweiz, Italien, Kurdistan, Vietnam und Ex-Jugoslawien treffen, wo die Kinder selbstverständlich miteinander spielen und wo es auch Platz hat für Aussenseiter. Die Regisseurin nimmt ihre eigene Lebensphase mit in den Film, erzählt auch vom Vergehen und Sterben, dem Verlust eines sehr nahen Menschen. Dazu findet sie berührend schöne Bilder, die durch die Kamera von Hans Stürm aufgenommen wurden. „Klingenhof“ ist eine Hommage an den lebendigen Ort der Begegnung im Kreis 5, aber auch an den Kameramann Hans Stürm. Der Film wurde von der römisch-katholischen Kirche des Kantons Zürich unterstützt.

Kieslowskis Schüler

Ein Höhepunkt des Schweizer Spielfilmschaffens ist der Beitrag von Greg Zglinski. Sein Film „Tout un hiver sans feu“ hat den Sprung in den internationalen Wettbewerb von Venedig geschafft und gewann dort den Preis der internationalen katholischen Jury (SIGNIS). Zglinski ist ein Autor, der sowohl in der Schweiz als auch in Polen lebt. Er ist ein Schüler Kieslowskis, was man in seiner Bildsprache und seinem Sinn für die existentielle Betroffenheit der Hauptfiguren deutlich wahrnimmt. Der Film erzählt im knirschenden, über die Felder stiebenden Schnee vom Feuer, das den Hof von Jean und Laure zerstört und ihre kleine Tochter aus dem Leben gerissen hat. Die Verletzung geht tief und die Kälte breitet sich immer mehr aus. Jean geht in die Fabrik, um Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen. Hier trifft er eine Frau aus dem Kosovo, die ihren Mann verloren hat. Im gemeinsamen Schmerz über den Verlust finden sie sich: In der Fremde verloren, traurig und auf der Suche nach dem Lebensfeuer, das erloschen ist. Die dichte Erzählung, die mehr zwischen den Bildern erzählt und andeutet, als direkt offen legt, ist beeindruckend und berührend. Für dieses Erstlingswerk hat Greg Zglinski den Schweizer Filmpreis erhalten.

Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
charles.martig@kath.ch
 
 
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Die 41. Solothurner Filmtage finden vom 16. bis 22. Januar 2006 statt.