Lista de espera
Ein verwahrloster Busbahnhof mit einer Gruppe von vergeblich wartenden Reisenden ist eine hübsche Metapher für den Zustand der kubanischen Gesellschaft. Der durch «Fresa y chocolate» (1993) bekannt gewordene Regisseur Tabío gewinnt der Kurzgeschichte von Arturo Arango eine raffinierte Erzählperspektive ab. Solidarität und Verliebtheit, Futterneid, Schlitzohrigkeit und schliesslich ein fast schon utopisches Gemeinschaftserlebnis machen den Film zu einem verschmitzten Vergnügen.
Auf einem verwahrlosten Busbahnhof, irgendwo an der kubanischen Küste zwischen Havanna und Santiago, sitzen die Reisenden bereits seit Tagen in der Wartehalle. Sie versuchen verzweifelt, einen der wenigen Plätze in den sporadisch vorbeifahrenden Bussen zu ergattern. Die Platzkämpfe wechseln ab mit dem Ritual der Warteliste („lista de espera“), welche festlegt, wer als nächster den Bahnhof verlassen darf. In ihrer Verzweiflung wird die Gruppe der Wartenden kreativ und versucht, einen klapprigen Sonderbus selber zu reparieren. Zwischen Traum und Wirklichkeit entsteht eine neue Zweckgemeinschaft, in der die Protagonisten ihre ursprünglichen Reiseziele vergessen und im Hier und Jetzt leben. Kuba im Jahr 2000.
Regisseur Juan Carlos Tabío pointiert die Probleme des Karibik-Sozialismus in der für ihn charakteristischen grotesken Überhöhung. Der Film basiert auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von Arturo Arango, die dort einen Mikrokosmos schildert, wo die bizarren Mängel Kubas am deutlichsten werden – beim Reisen.
Mit der Metapher der Warteliste trifft der Film einen wunden Punkt in der gesellschaftlichen Befindlichkeit. Wer darf das Land als nächster verlassen? Lohnt es sich noch auszuharren? Das utopische Gemeinschaftserlebnis bleibt gefangen zwischen Traum und Alltagsrealität.
Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
charles.martig@kath.ch
Regie: Juan Carlos Tabío, Spanien, Kuba 2000
