La Neuvaine

Es ist ein erschütterndes Ereignis, das die Ärztin Jeanne in eine Depression getrieben hat: Sie konnte nicht verhindern, dass eine junge Frau mit Kind, die sich ihr anvertraut hatte, einer Gewalttat zum Opfer fiel. Diese Tragödie hat Jeanne – grossartig interpretiert von Élise Guibault – völlig aus der Bahn geworfen. Ziellos flüchtet sie aus ihrem tristen Alltag an die Ufer des St.-Lorenz-Stroms. Dort trifft sie auf François, einen jungen, etwas naiven und lebensunfähigen Mann, der in Saint-Anne-de-Beaupré, dem grössten Wallfahrtsort Nordamerikas, eine Novene absolviert. In diesem neuntätigen Gebetsritus betet er zur Heiligen Anna um die Genesung seiner Grossmutter. Die Begegnung zwischen den beiden Figuren ist der Beginn einer ungewöhnlichen Freundschaft. Hier die erfahrene Ärztin aus der Stadt, der jeder Glaube und jegliches Vertrauen abhanden gekommen ist. Da der sanftmütige, tiefgläubige junge Mann vom Land.

Im ersten Teil seiner geplanten Trilogie über Glaube, Liebe und Hoffnung nähert sich der kanadische Regisseur Bernard Émond den Fragen nach dem Sinn des Lebens und nach den möglichen Formen des Glaubens in der modernen Gesellschaft. Die Radikalität der Gesellschaftsanalyse verweist auf Denys Arcands „Jésus de Montréal“. Durch eine reduzierte Inszenierung im Stil von Robert Bresson lotet der Film die Spannung zwischen individueller Sinnsuche und institutioneller Religiosität aus. Er versucht, die religiösen Symbolwelten des Katholizismus in Quebec zu rekonstruieren und entwirft dabei ein viel-schichtiges Bild. Die Stärke des Films liegt im Respekt, den Émond – der sich selber als „nichtgläubiger Katholik“ bezeichnet – Gläubigen wie Agnostikern entgegenbringt.

Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
charles.martig@kath.ch

„La Neuvaine“, Kanada 2005, Regie: Bernard Émond, Besetzung: Élise Guilbault, Patrick Drolet, Denise Gagnon; Verleih: Filmpodium Zürich / Cinélibre.

Der Film wurde 2005 am Filmfestival von Locarno mit dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnet. Ferner erhielt Hauptdarsteller Patrick Drolet den Silbernen Leoparden.

„La Neuvaine“ ist zur Zeit im Filmpodium Zürich zu sehen:
Donnerstag, 6. Dezember 2007, 18.15 Uhr
Samstag, 8. Dezember 2007, 15.00 Uhr
Dienstag, 11. Dezember 2007, 20.45 Uhr
http://www.filmpodium.ch