„Krieg“ spielt gegen „AIDS“
Auf dem Helvetiaplatz in Bern wird der oder die Vorbeigehende mit einem ungewohnten Bild konfrontiert: grosse drehbare Wegweiser, die afrikanische Städte nennen und in verschiedene Richtungen zeigen. „Emotional Geography“, wie diese Arbeit von Fernando Alvim heisst, soll ausdrücken, dass die Richtung eines Ortes nicht einfach feststeht, sondern von der Perspektive des Betrachters abhängt. Auch Fernando Alvims Sicht auf Afrika ist von verschiedenen Standpunkten geprägt. Die vielschichtige Identität des weissen Angolaners, der in Brüssel und Südafrika lebt und arbeitet, ist Programm: Fragen nach der Identität afrikanischer Kunst und afrikanischer Künstler werden in vielen Arbeiten, die in „South meets West“ gezeigt werden, ebenso wie im Ausstellungskonzept selber thematisiert.
Der Titel „South meets West“ ist mehrdeutig: zum einen verweist er auf das Konzept, das Kunst aus Westafrika mit Kunst aus dem südlichen Afrika zusammenführt; zum anderen auf den Kontakt zwischen afrikanischen Künstlern in Afrika und in Europa; und zuletzt auch darauf, dass die Ausstellung eine Begegnung zwischen der Schweiz und Afrika darstellt. Organisiert wurde sie vom Zürcher Verein für Kulturaustauschprojekte „Nàwáo“, wobei auch das Fastenopfer einen finanziellen Beitrag sprach.
Von Afrika nach Bern
Letztes Jahr wurde die Ausstellung mit grossem Erfolg in Accra (Ghana) gezeigt, wo sie von einem Symposium und von Workshops begleitet wurde. Nach Accra ist die Ausstellung nun in Bern zu sehen, was Gelegenheit bietet, unsere Bilder von afrikanischer Kunst – die in der Vorstellung vieler aus geschnitzten Masken, Fetischen und zu Ritualzwecken hergestellten Gegenständen besteht – gründlich zu revidieren.
Die Stellung Afrikas in der globalisierten und vernetzten Welt thematisiert Pascale Marthine Tayou mit „Externet“. In dieser begehbaren Installation liegt allerlei Elektronikschrott auf Tischen ausgebreitet. Ausrangierte Fernseher, Radios, Kassettenrekorder und andere ausgelaufene Modelle der Unterhaltungselektronik vermitteln das Bild eines unübersichtlichen Kabel- und Geräuschsalates. Während in der westlichen Welt das Internet schon Alltag ist, ist Afrika vom Kommunikationsfluss des angeblich globalen Dorfes ausgeschlossen – nicht Internet, sondern Externet. Man darf nicht vergessen, dass etwa die Hälfte der Weltbevölkerung noch nie einen Telefonhörer in der Hand hatte. An die Wand projizierte Videobilder von Menschen, die uns ganz einfach anschauen, evozieren in Pascale Marthine Tayous Arbeit denn auch eine alternative, angesichts neuester Kommunikationsformen fast schon altmodisch scheinende Form des Kontaktes: das direkte Kommunizieren von Mensch zu Mensch.
Rassismus und Gewalt
Gewalt ist ein weiterer Schwerpunkt in vielen Arbeiten. Krieg, Genozid und AIDS sind Realität in Afrika und werden dementsprechend häufig von den Künstlerinnen und Künstlern thematisiert. Ein Beispiel ist die Video-Installation des Südafrikaners Kendell Geers. Auf 10 bis 15 kreuz und quer im Raum verteilten Monitoren ist derselbe sekundenkurze Ausschnitt aus einem Horrorfilm zu sehen. Durch die Ansammlung von Monitoren, die alle dasselbe schreckliche Bild zeigen – eine Mundpartie mit klappernden Zähnen – und der dadurch entstehenden Geräuschkulisse, kommt die Unausweichlichkeit von Gewalt in der südafrikanischen Gesellschaft zum Ausdruck. Den grausamen Bildern kann man nicht entkommen, egal wohin man in diesem Raum auch blickt und sich wendet.
Ein Fussballmatch im Museum
Zwei der grössten Probleme Afrikas – Krieg und AIDS – lässt Fernando Alvim gar in einem Fussballmatch gegeneinander antreten. In Ghana wurde vor dem Museum ein Fussballfeld abgesteckt, zwei Mannschaften in Leibchen mit dem Aufdruck „War“ oder „AIDS“ gesteckt, und aufs Feld geschickt. Auch wenn „War“ 2:1 gegen „AIDS“ gewonnen hat: Gewinner in diesem Spiel gibt es keine, nur Verlierer. Nach Bern wurde diese Anordnung aber nicht transportiert, lediglich einige Fotos und Videos davon werden gezeigt.
Eine grundsätzliche Hinterfragung der Ausstellungspraxis und des Zweckes der Ausstellung afrikanischer Kunst in Museen leistet Meschac Gaba mit seinem Museumsshop. Mit farbigem Papier gefüllte Säckchen und aus demselben Material gepresste Kegel erregen die Aufmerksamkeit des Publikums: es sind ganz einfach geschredderte Banknoten. Einen solchen respektlosen und kühnen Umgang mit Geld sieht man selten – Geld zu zerstören ist wohl eines der letzten Tabus in unserer Welt. Zudem macht Meschac Gaba aus Banknoten wieder das, woraus sie entstanden sind – Papier – und entmystifiziert sie dadurch. Und um den Geldkreislauf zu schliessen, lassen sich die Säckchen mit geschreddertem Geld selbstverständlich auch käuflich erwerben.
Annette Lingg
Die Ausstellung „South Meets West“ ist in der Kunsthalle Bern noch bis zum 25. Juni zu sehen.
