Kinderschicksale als Spiegel der Welt
Am diesjährigen Filmfestival in Fribourg standen Kinderschicksale mehrfach im Mittelpunkt. „El Camino“, der Preisträger der Ökumenischen Jury, erzählt die Geschichte zweier Kinder auf dem Hintergrund der weltweiten Migrationsthematik. Der von den Hilfswerken dotierte Preis legt Zeugnis ab vom langjährigen Engagement der Hilfswerke für Filme aus Asien, Afrika und Lateinamerika.
Das Internationale Filmfestival Freiburg FIFF positioniert sich weiter als eines der grössten Publikumfestivals der Schweiz. Mit 25’500 Eintritten in den Kinosälen und 2´400 Teilnehmenden an den Rahmenveranstaltungen bleiben die Zahlen des FIFFs gegenüber dem Vorjahr erfreulicherweise stabil. Nach dem Rücktritt des langjährigen künstlerischen Leiters Martial Knaebel im letzten Jahr hat der neue künstlerische Leiter Edouard Waintrop das Profil des Festivals innerhalb kurzer Zeit neu akzentuiert und mit der diesjährigen Ausgabe ein überzeugendes Programm präsentiert. Edouard Waintrop ist ein renommierter französischer Filmkritiker, der vor allem durch seine Mitarbeit bei der Zeitung „Libération“ und zahlreichen Publikationen über afrikanische Filmemacher bekannt geworden ist. Bundesrätin Micheline Calmy-Rey unterstrich mit ihrer Präsenz und pointierten Rede an der Eröffnung des Festivals die Bedeutung des FIFF für die kulturelle Vielfalt in der Schweiz. Was sich in der Welt ereigne, sei nicht ohne Bedeutung für die Schweiz, sagte sie, und betonte den Stellenwert des interkulturellen Dialogs, der in der Beschäftigung mit dem Film aus den Ländern des Südens besonders konkret zum Ausdruck komme.
Kinder und Jugendliche im Blick der Internationalen Jury
Insgesamt dreizehn Filme umfasste der offizielle Wettbewerb, wobei einzig China mit zwei Filmen vertreten war. In den von den Jurys ausgezeichneten Filmen standen weitgehend Kinder und Jugendliche mit ihren problematischen Familienverhältnissen im Mittelpunkt. Der „Regard d’Or“ der Internationalen Jury ging an „Flower in the Pocket“ des 29-jährigen malaysischen Regisseurs Liew Seng Tat. In dieser Geschichte von zwei Buben, die ohne Mutter aufwachsen und vom Vater vernachlässigt werden, gehen die Schwere und der Humor Hand in Hand. Die Internationale Jury betonte, dass Liew Seng Tat „auf eine zärtliche und poetische Art auf eine komplexe und reiche Eigenheit seiner Gesellschaft blickt, ohne dabei das filmische Abenteuer zu vergessen“.
„Das Mädchen der schwarzen Erde“ von Jeon Soo-il wurde von der Internationalen Jury lobend erwähnt. Der Film des südkoreanischen Regisseurs konfrontiert den Zuschauer mit den Veränderungen in der tristen Landschaft eines Minen-Bergwerk, wo ein Mineur wegen einer Lungenerkrankung seine Arbeit aufgeben muss. In der Folge verschiedener unglücklicher Umstände verliert er sich in Depression und Alkohol und lässt seine beiden Kinder allein.
Der Preis Oikocredit Schweiz vergab die Internationale Jury an „He Fengming“ (Fengming, Chronik einer chinesischen Frau) des Chinesen Wang Bing. Sein Dokumentarfilm, der allein durch die Erzählung einer Frau ein halbes Jahrhundert Geschichte des maoistischen Chinas rekonstruiert, erhielt je eine lobende Erwähnung der FICC-Jury sowie jene der Ökumenischen Jury, die den Mut von Wang Bing und seiner „quasi konzeptionellen filmischen Installation“ hervorhob.
Preis der Ökumenischen Jury für „El Camino“
Der mit dem Spezialpreis der Internationalen Jury ausgezeichnete Film „El Camino“ von Ishtar Yasin aus Costa Rica erhielt ebenfalls den Preis der Ökumenischen Jury. Diese unterstrich in ihrer Begründung, dass „die Regisseurin ohne Pathos oder unnütze Lehrhaftigkeit ein wahres Märchen entwickelt, dessen poetische Umsetzung durch rein filmische Mittel erreicht wird“. In seinem Entstehungsprozess wurde der Film in Guadaljara Mexiko 2007 mit dem SIGNIS-OCLACC Award gefördert und im Rahmen des Internationalen Forums des Jungen Films in Berlin 2008 erstmals an einem Festival präsentiert. „El Camino“ erzählt eine Geschichte im Kontext der weltweiten Migrationsthematik, der vor allem Kinder wehrlos ausgesetzt sind. Die 40-jährige Regisseurin Ishtar Yasin, als Tochter eines irakischen Vaters und einer chilenischen Mutter in der Sowjetunion geboren, hat nach Studien am Filminstitut in Moskau von 1979 bis 1980 in Nicaragua gelebt. Sie beschäftigte sehr, dass Menschen bereit waren, ihr Leben zu riskieren, um auf der Suche nach Arbeit Nicaragua zu verlassen. Der Ausspruch eines Emigranten „Die Grenzen sind für die Armen gemacht, reiche Leute können fliegen“ bewog die Regisseurin dazu, zusammen mit Tausenden von illegalen nicaraguanischen Immigranten eine Reise an die Grenze des Landes zu unternehmen und „El Camino“, eine costaricanisch-nicaraguanisch-französische Co-Produktion zu drehen. Angesichts der Tatsache, dass es in diesen zentralamerikanischen Ländern kaum Geld für die Herstellung von Filmen gibt, ist dies ein bewundernswerter Entschluss.
Im Mittelpunkt ihres Films stehen die zwölfjährige Saslaya und ihr jüngerer stummer Bruder Dario. Sie leben beim Grossvater in Nicaragua, seit ihre Mutter vor acht Jahren zur Arbeitssuche nach Costa Rica gegangen ist. Eines Tages entscheidet sich Saslaya, die nach der Schule in den Müllbergen arbeiten muss, und nachts zu ihrem Grossvater in die Hängematte gerufen wird, mit ihrem Bruder die Mutter zu suchen. Auf ihrer Odyssee über die Grenze nach Costa Rica begegnen die Geschwister verschiedenen Menschen: einem Strassenjungen, mit dem sie sich für kurze Zeit anfreunden; einem älteren Mann, der ein Puppentheater betreibt; Immigranten ohne Pässe, die in Costa Rica ebenfalls eine Arbeit suchen. Dann, beim illegalen Grenzübergang verlieren sich die beiden Kinder im Dschungel und wir erleben, wie Saslaya erneut in eine sexuelle Abhängigkeit und Ausbeutung gerät – ihr hoffnungsloser Blick in die Kamera ist am Ende des Films eine eindringliche Anfrage an den Zuschauer.
Hilfswerke seit Beginn diskret im Hintergrund
Der Ursprung des Internationalen Film Festivals Fribourg liegt in einer Initiative zu Beginn der 80er-Jahre. Anlässlich des 25-jährigen Bestehens von Helvetas zeigten die Westschweizer Sekretariate der wichtigsten Hilfswerke in den Pfarreisälen einiger Städte Filme aus Asien, Afrika und Lateinamerika. Der damalige Erfolg animierte die Veranstalter ein „Dritt-Welt-Filmfestival“ zu organisieren. 1986 liess sich das Festival in Freiburg nieder, wo die Vorführungen das grösste Echo gefunden hatten. Es wechselte in die Kinosäle und führte einen offiziellen Wettbewerb mit einem Verleihförderpreis ein. Erster Preisträger war der Film „Wend Kûuni“ von Gaston Kaboré (Burkina Faso). Das Festival fand zunächst nur alle zwei Jahre statt, konnte dann aber ab 1993 jährlich wiederholt werden und entwickelte sich immer stärker zu einem Festival von internationaler Bedeutung; wobei für den Erfolg die diskrete Zusammenarbeit und Vernetzung mit dem trigon-Filmverleih nicht ohne Bedeutung war.
Seit den Gründungsjahren hat sich das Festival weiterentwickelt und die finanzielle Trägerschaft notwendigerweise auf eine weit breitere Basis gestellt. Das Festival ist mittlerweile für Stadt und Kanton Freiburg zum wichtigsten jährlich wiederkehrenden kulturellen Anlass geworden. Die Hilfswerke („Helvetas“, die „Erklärung von Bern“, „Fastenopfer“ und „Brot für alle“ mit ihren Westschweizer Sekretariaten) bleiben Gründungsmitglieder des FIFF, und zusammen mit „missio“ und „E-Changer“ (früher „Frères sans frontière“) wünschten sie in einem gemeinsamen Inserat im Festivalkatalog viel Erfolg. Im übrigen aber hielten sie sich diskret im Hintergrund. Keine Unterlagen der Hilfswerke in den Pressefächern, keine Informationsblätter über ihr Engagement in den Kinos; ein Dia im Werbeblock war nur sporadisch zu sehen, von einem Stand im Begegnungszentrum „Ancienne Gare“ ganz zu schweigen. Wahrscheinlich verfügen die Vertreter der Hilfswerke aber auch kaum über die personellen Möglichkeiten, sich in dieser oder jener Form zu engagieren. Und vielleicht ist ihr Engagement auch ausreichend und wirkungsvoll genug: Seit 2001 finanziert „E-Changer“ den mit 5´000 Franken dotierten Preis, der von einer Jury, bestehend aus Jugendlichen, vergeben wird. Die Westschweizer Sekretariate der kirchlichen Hilfswerke „Brot für Alle“ und „Fastenopfer“ dotieren bereits seit 1998 den Preis der Ökumenischen Jury mit 5´000 Franken. Am Beispiel der diesjährigen Preisträgerin ist leicht zu ermessen, dass dieser Preis eine unschätzbare Anerkennung und grosse Ermutigung für das unabhängige Filmschaffen in sogenannten Entwicklungsländern darstellt. Trotz aller notwendigen Erneuerungen ist das Internationale Film Festival Freiburg darauf angewiesen, sich seiner Wurzeln zu erinnern.
Hans Hodel, Bern
Das nächste 23. Internationale Film Festival Fribourg findet vom 14. bis 21. März 2009 statt.
