Kieslowskis Dekalog – Spurensuche im Alltag
In einer modernen Wohnblocksiedlung der Warschauer Vorstadt verbergen sich hinter Tausenden von Fenstern ebenso viele Schicksale. Fremdheit und Isolation bestimmen ihr Leben. Mit dem zehnteiligen Filmzyklus „Dekalog“ nähert sich Krzysztof Kieslowski diesen Menschen an, zeigt sie in schwierigen Entscheidungssituationen. Auf Arte ist ab Samstag, 15. März der vollständige Zyklus zu sehen.
Im „Dekalog“ steht die Frage nach ethischen Werten und Normen im Mittelpunkt. Kieslowski möchte wissen, woran sich Menschen heute orientieren. In den zehn Filmen zu den Zehn Geboten geht es nicht in erster Linie um Religion oder Glaubensvermittlung, sondern um eine Spurensuche im Alltag. Die Frage nach den Bausteinen einer zeitgemässen Ethik wird aufgeworfen. Assoziativ und vieldeutig vollzieht der Regisseur die Verknüpfung zwischen seinen radikalen Fallstudien und den Zehn Geboten der jüdisch-christlichen Tradition.
Das Kernstück des Filmzyklus bilden die Folgen „Dekalog, Fünf“ und „Dekalog, Sechs“, die beide in einer längeren Fassung im Kino gezeigt wurden. „Ein kurzer Film über das Töten“ sowie „Ein kurzer Film über die Liebe“ konzentrieren sich auf die zentralen Themen in Kieslowskis Filmwerk. Die formale Gestaltung ist von einer dokumentarischen Absicht geprägt. Hinter dem beschreibenden Verfahren steht eine Haltung des Nicht-Ausweichens, die sich vor allem in der Darstellung von Tod und Gewalt zeigt.
Der polnische Regisseur (1941–1996) gilt als Vertreter des „Kinos der moralischen Unruhe“. Es geht ihm aber nie ums Moralisieren. Seine Position gegenüber ethischen Fragen ist am ehesten erkennbar in der Haltung der Ethikprofessorin in „Dekalog, Acht“, die ihre Aufgabe nicht darin sieht, ihren Studenten zu sagen, was das Gute ist, sondern ihnen helfen will, den Weg dorthin selbst zu finden. Insofern sind die Filme vor allem für die Erwachsenenbildung geeignet.
Kieslowskis Annäherungsversuch an den Menschen, an die innere Welt der Gefühle, Sehnsüchte und Konflikte, berührt eine existentielle Dimension. Das Beobachten, Zuhören und Ertasten der konkreten Wirklichkeit ist für ihn der Weg zum Transzendenten. Die Bewegung vom Sichtbaren zum Unsichtbaren charakterisiert seine künstlerische Entwicklung von seinen frühen dokumentarischen Arbeiten bis zu seinen letzten Werken „Die zwei Leben der Veronika“ (1991) und „Drei Farben: Blau, Weiss, Rot“ (1993–94). Die Suche nach den Zeichen und Verweisen auf das Ganz-Andere in dieser Wirklichkeit sind zum künstlerischen und bild-theologischen Vermächtnis des Regisseurs geworden.
Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
charles.martig@kath.ch
| SENDEZEITEN AUF ARTE:
Dekalog, Eins: Samstag, 15. März um 22.35 Uhr Dekalog, Zwei: Samstag, 15. März um 23.30 Uhr Dekalog, Drei: Sonntag, 16. März um 00.15 Uhr Dekalog, Vier: Sonntag, 16. März um 01.10 Uhr Dekalog, Fünf: Montag, 17. März um 00.10 Uhr Dekalog, Sechs: Dienstag, 18. März um 00.55 Uhr Dekalog, Sieben: Mittwoch, 19. März um 22.45 Uhr Dekalog, Acht: Mittwoch, 19. März um 23.40 Uhr Dekalog, Neun: Donnerstag, 20. März um 00.00 Uhr Dekalog, Zehn: Donnerstag, 20. März um 01.00 Uhr https://www.medientipp.ch/fernsehen http://www.arte.tv/de/film/Krzysztof-Kie_C5_9Blowski/1955214.html |
Links:
Der Medienladen hat die 10 Filme mit Arbeitshilfen im Verleihangebot, ausserdem sind auch wieder als DVD zum Kauf erhältlich:
http://www.medienladen.ch
Wolfgang Luley: Kieslowskis Dekalog als zeitlos gültige Visualisierung christlich-biblischer Ethik. Mit einer kurzen Beschreibung der Reihe und Tipps zu Publikationen.
http://www.glaubeaktuell.net/portal/journal/journal.php?IDD=1059067182
