Katholische Welt. Erinnerungen an Ernesto Cardenal
Ernesto Cardenal, am 1.3.2020 verstorben, war Literaturwissenschaftler, Ethnograph der indigenen Völker, Bildhauer, kämpferischer Revolutionär, Priester, christlicher «Kommunarde», praktizierender Befreiungstheologe, Exilant, Kulturminister – und zeitlebens Dichter. Als Hauptwerk bezeichnete er selbst seinen 1989 erschienenen Cántico Cósmico, der 43 «Gesänge des Universums» – so der deutsche Titel – umfasst. Cardenals «astrophysikalisches Epos» ist ein universales Werk von gewaltiger Fülle und hoher Musikalität, literarisch-philosophisch eine «Singularität»: Eine neuzeitlich dynamisierte Divina Commedia, die alles Statisch-hierarchische hinter sich gelassen hat: Die hier besungene Kosmogenese fusst auf moderner Physik und Theologie, die in ihrer ganzheitlichen Sinnhaftigkeit an die Gedankenwelt eines Pierre Teilhard de Chardin erinnert. Die «Gesänge des Universums» heben poetisch nicht ab, sind empirisch durch und durch geerdet; und doch sind sie der weit gespannte, eben epische Versuch, die vor allem von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen geprägte moderne Weltwahrnehmung dichterisch zu fassen
