Karma Shadub
Wann werden in einem Dokumentarfilm die Grenzen zum Privaten überschritten, die Figuren zu sehr entblösst? In «Eine ruhige Jacke» hatte der Schweizer Regisseur Ramòn Giger ohne Scheu vor zu Persönlichem einen autistischen jungen Mann porträtiert. In «Karma Sadub» dringt er noch beharrlicher ins Innere seiner Protagonisten vor – und ist dabei selber einer von ihnen. Giger versucht hier, die entfremdete Beziehung zu seinem Vater zu ergründen, dem berühmten Violinisten Paul Giger. Der wiederum erwartet von seinem Sohn einen Film über sein Konzert, was zu Konflikten führt: Die Konzertaufzeichnungen sind nur Teil des Films, und sie sind kunstvoll in die hartnäckigen Diskussionen mit dem Vater eingewoben.
Ramòn Giger befragt seinen Vater schonungslos zur gescheiterten Beziehung mit der Mutter, klagt ihn an, nicht für ihn dagewesen zu sein. Als Zuschauer ergreift man erstaunlicherweise keine Partei. Man versteht den verzweifelten Sohn, der seinen Gefühlen nachspürt und bedauert zugleich den Vater, der sich Mühe gibt, auf die erbitterten Vorwürfe einzugehen und an das Schöne der Kindheit erinnert: Davon zeugen auch zärtliche Tonbandaufnahmen, die er Ramòn als kleinem Jungen zuschickte, wenn er im Ausland war. Der unbequeme Film, für den Giger den Grand Prix des Dokumentarfestivals Vision du Réel gewonnen hat, berührt durch die radikale psychologische Auseinandersetzung und die bemerkenswerte Offenheit.
Andrea Lüthi, Kulturjournalistin
andrea.luethi@medientipp.ch
«Karma Shadub», Schweiz 2013, Regie: Ramòn Giger, Verleih: Cineworx GmbH, Internet: http://www.cineworx.ch
Kinostart: 12. Dezember 2013
