Johannes Calvin – Reformator und Reizfigur
Zum 500. Geburtstag von Jean Calvin widmen die „Sternstunden“ dem Genfer Reformator einen Schwerpunkt. Den Auftakt macht die Dokumentation „Johannes Calvin – Reformator und Reizfigur“ von Werner Köhne und André Schäfer.
Es schneit. Die kahlen, weissbepuderten Bäume strahlen Kälte aus. Eine zerfallene Kathedrale kann das Winterwetter nicht aus ihren Gemäuern fernhalten: Der Einstieg in die Dokumentation über das Leben und Schaffen des Reformators Jean Calvin mutet mystisch an. Ein hagerer Mann mittleren Alters wird in den vor 500 Jahren geborenen Reformer verwandelt. Ihm wird ein Bart angeklebt, ein Gewand umgehängt und die für Calvin typische, eng an den Kopf anliegende Bundhaube aufgesetzt. Der wieder erwachte Jean Calvin wird im Verlauf des Films immer mal wieder auftauchen und den Reformator zitieren.
Der junge Jean wächst in der Bischofsstadt Noyon, nördlich von Paris, auf. An sein Jurastudium hängt er jenes der Theologie an. Er ist ein vielversprechender Student und kommt an der Universität in Paris mit den reformerischen Ideen Luthers in Kontakt. Als er in einer Rede zu Allerheiligen im Jahr 1533 die lutherische Lehre als die rechtgläubige darstellt, muss er nach Genf fliehen. Dort wird er mit offenen Armen empfangen, denn die die Republik will sich politisch von seinem katholischen Nachbarn, dem Herzog von Savoyen, abgrenzen. In Genf findet Calvin ein Labor für die „Experimente“ seines reformierten Kirchenstaates.
Die Dokumentation „Johannes Calvin – Reformator und Reizfigur“ schafft die Balance zwischen Geschichte und dem langen Schatten, den Calvin bis heute wirft: Im Film kommen Fachleute der Kirchengeschichte, wie auch Nachfahren des puritanischen Calvinismus zu Wort. Interessant ist die These des deutschen Soziologen Max Weber, wonach die Grundpflöcke des Kapitalismus von Johannes Calvin eingeschlagen wurden. Im Mittelalter hatte man Arbeit nur als Mühe und Strafe gesehen. Calvin hingegen edelte die Arbeit als tätigen Beweis der Gnade Gottes. Die Gläubigen würdigen Gott, indem sie Welt und Natur annehmen und gestalten.
Johannes Calvin wird heute sowohl als wichtiger Genfer Reformator, als auch als Reizfigur wahrgenommen. Für Fachleute, die in der Dokumentation zu Wort kommen, ist sein Einfluss auf unsere Gesellschaft grösser als die Luthers. Die protestantische Arbeitsethik ist das Fundament der heutigen westlichen Gesellschaft liberaler Prägung. Er bleibt jedoch auch Reizfigur: Ein freudloser Despot soll er gewesen sein, der seine Ansichten von Sitte und Moral mit erbarmungslosen Mitteln durchsetzte. Man denke an den Freidenker Servet, der – weil er die Dreifaltigkeit in Frage stellte – auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Der Film schafft es auf eine ausgewogene Art, die Figur Calvins aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten und Licht in das bewegte Leben Jean Calvins zu bringen.
Joël Frei, Praktikant Medientipp
joel.frei@medientipp.ch
| 500 Jahre Johannes Calvin (1509–1564) Anlässlich seines 500. Geburtstages beleuchten drei „Sternstunden“ am 24. Mai und 31. Mai – inklusive Calvin-Festgottesdienst aus Genf – Biografie und Wirkungsgeschichte des grossen Reformators. Die Sendungen stehen noch mindestens sieben Tage nach der Ausstrahlung als Online-Stream zur Verfügung. http://www.sf.tv/sendungen/sternstunden/einzel.php?docid=calvin Calvin – 500 Jahre alt und erstaunlich modern calvin09.org – das Calvinjahr 2009 |
