Jindabyne

Beim gemeinsamen Angelausflug in den Bergen machen vier Männer eine schockierende Entdeckung: Im Fluss treibt die fast nackte Leiche einer jungen Frau, die offenbar ermordet wurde. Anstatt umzukehren und den grausigen Fund zu melden (Handyempfang hat es dort oben nicht), verbringen die vier noch den ganzen folgenden Tag mit Fische fangen – die Tote wird kurzerhand mit einer Leine in Ufernähe befestigt. Als dieses pietätlose Verhalten ruchbar wird, ist man in ihrem Heimatort, dem australischen Städtchen Jindabyne entrüstet. Da das Opfer eine Aborigine war, steht auch der Verdacht des Rassismus im Raum.

Der Australier Ray Lawrence („Lantana“) hat eine Kurzgeschichte von Raymond Carver adaptiert, die auch schon Robert Altman für „Short Cuts“ verwendet hat. Obwohl der Film von einem Unterton konstanter Gefährdung durchdrungen ist, handelt es sich nicht so sehr um einen Thriller als um ein vielschichtiges Psychodrama. Das moralische Blackout der Angler wird zum Katalysator für zwischenmenschliche Konflikte, insbesondere für das von Gabriel Byrne und Laura Linney exzellent gespielte Ehepaar. „Jindabyne“ besitzt zwar eine Vielzahl von Themen und Figuren, doch dank seiner klugen Erzählweise ergeben diese keine Überfrachtung, sondern ein vielschichtiges Bild von der Zerbrechlichkeit der Normalität, vom schwierigen Ringen um Integrität und vom Trost, der in Ritualen liegen kann.

Julia Marx, Filmwissenschaftlerin und Filmkritikerin

„Jindabyne“, Australien 2006, Regie: Ray Lawrence, Besetzung: Laura Linney, Gabriel Byrne, Deborra-lee Furness, Verleih: Filmcoopi Zürich AG, Internet: http://www.filmcoopi.ch

Kinostart: 22. März 2007