„jetzt: max frisch“
Unter dem Titel „jetzt: max frisch“ präsentieren 3sat sowie die Radioprogramme SR DRS2, SWR2 und Radio Bremen 2 einen breit angelegten Programmschwerpunkt zum 10. Todestag des Schweizer Schriftstellers Max Frisch (1911-1991). In Theateraufzeichnungen, Fernseh- und Spielfilmen, Dokumentationen, Gesprächen, Hörspielen, Lesungen und Diskussionen werden Höhepunkte aus Frischs Werk dargeboten. Ein Begleitbuch und eine Website ergänzen das Angebot.
Max Frisch führte in den fünfziger Jahren mit seinen weltbekannten Romanen „Homo Faber“ und „Stiller“ ein Thema ein, das bis heute weite Teile der deutschen Literatur beschäftigt: die Frage nach der Identität des modernen Menschen. Dabei ging es ihm aber nicht um definitive Selbstfindung, sondern um das, was wir uns immer wieder als Biographie zurecht legen, um die Lebensgeschichte, „die wir von Mal zu Mal anprobieren“.
Auch von Seiten der Theologie hat man sich mit Max Frisch befasst. Der Theologe Karl-Josef Kuschel beispielsweise, der sich mit dem Dialog zwischen Theologie und Literatur auseinandersetzt, sieht in der Schuldfrage ein zentrales Thema von Frischs Werk. In seinem Buch „Im Spiegel der Dichter. Mensch, Gott und Jesus in der Literatur des 20. Jahrhunderts“ (Patmos Verlag, Düsseldorf 1997) führt Kuschel aus, wie Frisch zu Beginn seines Schaffens die moralische Frage nach Schuld und Verantwortung und die politisch-gesellschaftliche Frage nach den Ursachen von Schuld thematisiert. In „Nun singen sie wieder“ (1945) erkennt Karl, ein junger deutsche Soldat, im Gegensatz zu seinem Vater, dass ihn die „Ausflucht in den Gehorsam“ nicht von der (Mit-) Verantwortung am Krieg befreit. Die Figur des Vaters ist gezeichnet als Vertreter jenes unpolitischen Spiessertums, das im Dritten Reich eine so verhängnisvolle Rolle gespielt hat. Diese Darstellung forderte Frischs damalige Kritiker heraus, obwohl der Vater am Ende des Stückes aus seiner Verblendung erwacht – er hat inzwischen Frau und Sohn verloren – und die Verbrechen der Herrschenden Deutschlands anklagt.
Auch in „Andorra“ (1961) geht es massgeblich um Schuld: Das angeblich jüdische Waisenkind Andri wird vom Lehrer Can grossgezogen. Die Einwohner des Kleinstaates Andorra begegnen dem Jungen mit Erniedrigung und Benachteiligung; obwohl sie sich selbst für tolerant und ehrbar halten. Sie zwingen Andri zum Anderssein, bis er sein Schicksal – das „Judsein“ – endlich annimmt. Andri wird aufgrund von Vorurteilen wie Geldgier und Feigheit kategorisiert, er wird verraten und im Stich gelassen. Am Schluss bringt kein Andorraner den Mut auf, die Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Sie fühlen sich als Einzelne nicht schuldig, weil sie sich als Gruppe im Recht glauben.
Frisch geht, so Karl-Josef Kuschel, von der Einsicht aus, dass Schuld etwas spezifisch Menschliches ist. Die Schuldthematisierung stehe im Interesse politischer Aufklärung, der Ermutigung zur Zivilcourage und der Neubesinnung auf Menschlichkeit.
- „Andorra“. Aufzeichnung einer Aufführung aus dem Schauspielhaus (1964): Samstag, 7. April, 20.15 Uhr, 3sat.
- „Nun singen sie wieder“. Fernsehspiel von Fritz Umgelter (1965): Freitag, 13. April, 11.00 Uhr, 3sat
- „Homo Faber“. Spielfilm von Volker Schlöndorff (1990): Sonntag, 15. April, 20.15 Uhr, 3sat.
- „Homo Faber“. Gelesen von Felix von Manteuffel in 23 Teilen à 25 Minuten. 2. April bis 7. Mai, jeweils Montag bis Freitag um 15.05 Uhr auf SWR2.
Begleitbuch:
Jetzt: Max Frisch. Ein Lese- und Bilderbuch. Suhrkamp Verlag, 2001. 350 S., ca. Fr. 28.-. ISBN 3518397346
