Infancia Clandestina
Argentinien unter dem Militärregime: Weil seine Eltern einer Widerstandsgruppe angehören, lebt Juan im Verborgenen. Nach der Rückkehr nach Buenos Aires hat der Zwölfjährige eine neue Identität. Er heisst nicht mehr Juan, sondern Ernesto. Wie schwierig sein Leben wird, zeigt sich, als er sich verliebt. Er darf sich keine Fehler erlauben. Ansonsten ist die Familie verloren. Was ein Leben im Verborgenen für ein Kind bedeutet, zeigt Benjamin Avila mit Feingefühl und überzeugender Nähe zu den Figuren. Wenn der Besuch der Grossmutter eine mittlere Katastrophe auslöst, kommt die Zerrissenheit dieser Familie zum Vorschein. Zwischen politischer Überzeugung und existenzieller Angst öffnet sich ein Abgrund.
Jean-Luc Godard hat das Kino in zwei Kategorien unterteilt: das Kino der Unterhaltung und das Kino der Erinnerung. Diese argentinische Erzählung ist eine Form der gefährlichen Erinnerung an eine Zeit, die aus ganz normalen Familien zerrissene Kollektive machte. Wie sich diese Bedrohung auf die Psyche eines Kindes auswirkt, erzählt Benjamin Avila unaufgeregt und mit weichen Farben. Gewalt vermittelt er nicht direkt in realistischen Filmbildern, sondern in Form des Animationsfilms. Er findet damit einen Zugang zur Perspektive von Juan, die mehr ist als ein Trauma: eine Lebenswelt mit glücklichen und unglücklichen Momenten – eine ganz gewöhnliche Kindheit im Argentinien der 1970er-Jahre.
Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
charles.martig@kath.ch
«Infancia clandestina», Argentinien 2012, Regie: Benjamin Avila, Besetzung: Ernesto Alteria, Natalia Oreiro, César Troncoso, Teo Gutierrez Moreno; Verleih: Praesens Film AG, http://www.praesens.com
Kinostart: 25. April 2013
