In Memoriam Monsieur Cinéma de l’Église
Anfangs Mai ist in St-Sulpice am Lac Léman Pfarrer Maurice Terrail in seinem 82. Lebensjahr gestorben. Der frühere Film- und Fernsehbeauftragte der reformierten Kirchen der französischsprachigen Schweiz war Mitbegründer der ökumenischen Jury in Cannes.
Maurice Terrail war in der Romandie als Monsieur Cinéma de l’Église eine markante Persönlichkeit. Obwohl 1933 in Paris geboren, wurde er voll und ganz am Lac Léman heimisch, besuchte die Schulen in Lausanne, studierte an der dortigen Universität evangelische Theologie und wurde Gemeindepfarrer.
Ziemlich unvorbereitet erreichte ihn 1968 die Berufung als Leiter des protestantischen Filmbüros in Lausanne, dem Office protestant romand du cinéma. Er stand ihm bis zu seinem offiziellen Ruhestand 1998 und interimistisch bis 2000 fachkompetent vor. 1980 wurde ihm auch die Verantwortung für die religiösen Sendungen beim französischsprachigen Fernsehen der Schweiz TSR, heute RTS, übertragen.
Maurice Terrail nahm das Erbe der Pioniere der protestantischen Filmarbeit mit Leib und Seele ernst. Unermüdlich reiste er mit dem 16mm-Projektor von Gemeinde zu Gemeinde, zeigte kurze Animationsfilme und manchmal auch lange Spielfilme. Die Filme standen in einem eigenen kirchlichen Verleih zur Verfügung, um für ethische Fragen und die Botschaft des Evangeliums zu sensibilisieren.
Vor mehr als vierzig Jahren initiierte Maurice Terrail einen noch heute aktiven Studienkreis für Film, den Cercle d’Études cinémathographiques, in welchem an wechselnden Orten ausgewählte Kinofilme zur Diskussion gestellt werden. Die dabei gemachten Erfahrungen gaben 1981 den Anstoss zur Gründung der mit bescheidenen Mitteln produzierten ökumenischen Filmzeitschrift Ciné-Feuilles. Bis heute informiert die vierzehntäglich erscheinende Zeitschrift die französischsprachige Leserschaft kritisch über das aktuelle Filmgeschehen in Kino und Fernsehen.
1973 gehörte Maurice Terrail zu den Mitbegründern der ersten ökumenischen Jury am Filmfestival in Locarno. Folgerichtig ergriff er zusammen mit Mady de Tienda aus Paris die Initiative, eine ökumenische Jury in Cannes zu gründen. Sie entstand 1974, indem sie aus der 1952 bestehenden katholischen Jury mit der seit 1969 aktiven evangelischen Jury Interfilm zusammengelegt wurde.
Maurice Terrail selber war eher selten Mitglied dieser Jurys, hingegen wurde er 1984 Nachfolger von Mady de Tienda als koordinierender Festivaldelegierter von Interfilm. Er kümmerte sich diplomatisch geschickt um die Beziehungen zum Festival und ebenso gewissenhaft um die personellen und organisatorischen Belange der ökumenischen Jury. Als er die Verantwortung für die Sicherstellung dieser Präsenz im Jahr 2000 an Denyse Muller übergab, würdigte Interfilm sein verdienstvolles Engagement mit der Ehrenmitgliedschaft.
Hans Hodel, Jurykoordinator Interfilm
hans.hodel@outlook.com
http://www.cine-feuilles.ch
http://www.facebook.com/cinefeuilles
40 Jahre Ökumenische Jury in Cannes (Medientipp, 13. Mai 2014)
