Impulse aus christlicher Sicht

Othmar Keel, 67, emeritierter Professor für Altes Testament an der Universität Fribourg, war von 1980 bis 1983 WzS-Sprecher. Uta Fromherz, 76, ehemalige Lehrerin und Menzinger Schwester, ist als eine der heutigen SprecherInnen bereits zum zweiten Mal beim WzS dabei: Schon 1973/74 gehörte sie zum Team. Ein Gespräch über das WzS damals und heute.

Herr Keel, als Sie in den Achtzigern WzS-Sprecher waren, stiessen Sie auf grosses Echo …

O.K.: Das WzS wurde damals von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen. Es galt auch in säkularen Kreisen als bedeutender Kommentar zum Zeitgeschehen. Ich erhielt pro Sendung bis zu 200 Briefe – die meisten zustimmend. Einige jedoch enthielten bitterböse Kritik und sogar Drohungen, vor allem wenn ich über politische Themen sprach wie etwa gegen Armee-Defilées. Nach meinem WzS über das Bodenrecht wurde sogar ein „Zischtigsclub“ einberufen.

Wieso waren Ihnen politische Themen wichtig?

O.K.: Mir war es von meinem Fachgebiet her, dem Alten Testament, immer ein zentrales Anliegen. Das Alte Testament betont stark die politische Verantwortung und die Gemeinschaft. Ausserdem wurden wir SprecherInnen vom damaligen Leiter der Redaktion Religion beim Schweizer Fernsehen, Erwin Koller, ausdrücklich ermutigt, das WzS als politischen Kommentar zu gestalten: Die Befreiungstheologie, die damals wichtig war, plädierte für den Einbezug der politischen Sphäre. Dies führte allerdings auch zu Spannungen mit der Redaktion. Als Reaktion auf ein WzS von mir wurde eingeführt dass die SprecherInnen ihre Texte im Voraus abliefern müssen – das ist bis heute so geblieben.

Wenn Sie heute WzS-Sprecher wären – würden Sie es gleich machen?

O.K.: Vermutlich müsste ich es wegen dem veränderten Publikum anders machen. Heute gibt es nur noch sehr wenig Wissen über das Christentum.

U.F.: Das stimmt. Man kann nicht mehr voraussetzen, dass die Menschen die Bibel kennen. Ausserdem lehnen viele die Kirche ab, ohne eine grosse Ahnung vom Christentum zu haben. Religion ist zwar wieder „in“, allerdings beliebige und gefühlsbetonte Religion. Abstrakte, scholastische Modelle sind nicht gefragt.

O.K.: Mich dünkt die heutige Religiosität sehr individualistisch. Als ich in Einsiedeln zur Schule ging, wurden dort Anhänger verkauft mit historisch-gemeinschaftlichen Figuren wie dem Heiligen Benedikt. Heute sind vorwiegend Sternzeichen darauf…

U.F.: Ich finde es aber auch positiv, dass es heute wieder ein Sensorium für Religion gibt. Mich persönlich beschäftigt das Thema schon lange, dass Kirche und heutige Welt nicht mehr viel miteinander zu tun haben scheinen. Als Ordensfrau und Lehrerin für Geschichte, Literatur und Religion bewegte ich mich in beiden Welten und stellte mir oft die Frage, wie ich sie zusammenbringen kann. In meinen WzS möchte ich ein positives Bild des Christentums zeigen und den ZuschauerInnen ganz grundsätzlich zu sagen versuchen, was „christlich“ überhaupt ist, wer Jesus eigentlich war und was die Bibel zu erzählen hat.

Sie müssen dies am Fernsehen in einer ganz bestimmten Form präsentieren. Welche Regeln gelten?

U.F.: Nichts soll an eine Predigt erinnern, denn das WzS ist lediglich ein Impuls aus christlicher Sicht. Wir sollen keinen Kirchenjargon verwenden. Ausserdem sprechen wir Mundart – so ist ein Bibeltext ein ganz neuer Text!

Sie waren ja bereits 1973/74 WzS-SprecherInnen. Durften Sie damals noch „predigen“?

S.U.: Nein. Das WzS durfte bereits seit der 68er-Revolution und dem damit einhergehenden Kulturbruch nicht mehr als Verkündigung gestaltet sein. Damals hat es mich sehr beschäftigt, dass ich gewissermassen religionslos reden musste. Ich habe meine Anliegen in Geschichten verpackt – was nicht gut angekommen ist. Die damalige Redaktionsleiterin warf mir vor, ich erzähle belanglose „Guetnachtgschichtli“, die niemanden interessieren. Ich kündigte deshalb vor Ablauf meiner Amtsdauer.

O.K.: Ich habe nach vier Jahren auch vorzeitig aufgehört, allerdings weil der Arbeitsaufwand für das WzS überhand nahm. Ich erhielt zu viele Zuschriften, Anfragen und Einladungen. Meine wissenschaftliche Arbeit begann darunter zu leiden.

Was ist und war für Sie beide das Herausfordernde am WzS?

O.K.: Die richtige Mischung aus Neuem und Bekanntem zu treffen. Sonst kommt der Vorwurf, es sei banal oder unverständlich. Das ist eine riesige Herausforderung. Und natürlich ist es reizvoll, sich an ein so grosses Publikum zu wenden.

U.F.: Es ist sehr anspruchsvoll, in viereinhalb Minuten etwas Wesentliches, vielleicht sogar Schwieriges zu sagen. Ich muss möglichst bildhaft sprechen. Gerne würde ich einmal über die Trinität sprechen, weiss jedoch noch nicht recht, wie ich es anpacken soll.

Das Gespräch führte Sabine Schüpbach, Katholischer Mediendienst
sabine.schuepbach@kath.ch
 
 
Das nächste WzS von Sr. Uta Fromherz ist zu sehen am 12. Juni.

„Sternstunde Religion“ widmet dem Wort zum Sonntag-Jubiläum am 13. Juni eine Sendung.
 

50 Jahre Wort zum Sonntag
Das Wort zum Sonntag wurde am 13. Juni 1954 erstmals ausgestrahlt und ist die älteste regelmässige Kommentarsendung des Schweizer Fernsehens. Durchschnittlich weit über 500´000 Personen schauen pro Sendung zu. Die redaktionelle Verantwortung des Wort zum Sonntags liegt bei der Redaktion Religion des Schweizer Fernsehens, die Kirchen sind mitbeteiligt bei der Auswahl und Ausbildung der SprecherInnen.
Internet: http://www.wort-zum-sonntag.ch