Gibt es für gute Nachrichten einen Markt?

Alljährlich ruft die Katholische Kirche einen „Welttag der Medien“ aus. In diesem Jahr findet der sogenannte „Mediensonntag“ am 24. Mai statt und steht unter dem Thema „in der Kraft des Heiligen Geistes Hoffnung vermitteln“. Aus diesem Anlass hat ZOOM tip zehn prominente Schweizer Medienschaffende und -fachleute um ihre Meinung gebeten. Sie äussern sich in kurzen Statements zur Frage: Gibt es für gute Nachrichten einen Markt? Oder anders gefragt: Ist der Slogan „Only bad news are good news“ zum ehernen journalistischen Grundsatz geworden?

Wolfram Meister, Chefredaktor „Blick“:
Für gute Nachrichten gibt es täglich genügend Platz in unserer Zeitung. Wir suchen gute Nachrichten, weil die Leute nach guten Nachrichten lechzen. Sie sind überfüttert von schlechten Nachrichten, die man in der Tagesschau – und natürlich auch in unserem Blatt – findet. Ich persönlich habe sogar den Ruf, immer nach den positiven Aspekten in einem Artikel zu suchen. Sicher ist es aber einfacher für den Journalisten, sich auf negative Nachrichten zu stürzen. Ich glaube, die Journalisten haben generell die Tendenz, alles ein bisschen „fertig zu machen“. Mir fällt dies vor allem in der Schweiz auf. Man lässt an niemandem mehr ein gutes Haar. Natürlich ist da auch der „Blick“ mitbeteiligt.
Wie die anderen Zeitungen auch, sagt der „Blick“ dem Leser jeden Tag, was gerade aktuell ist. Wir können es uns aber nicht leisten, am Leser vorbeizuschreiben, weil wir die Zeitung dann nicht mehr verkaufen. Eine Eigenart des „Blick“ ist, dass wir ein Thema über mehrere Tage weiterziehen, falls es sich gut verkauft – sei es nun eine gute oder eine schlechte Nachricht.
Eine wichtige Frage bei der Themensuche ist, welche News im Angebot sind. Aus ihnen müssen wir die Mischung zustande bringen, von der wir meinen, dass sie für den Blick-Leser interessant ist, und mit der wir uns von den anderen Zeitungen unterscheiden.

Dr. Ulrich Frei, Chefredaktor „Reformierte Presse“:
Ist die Nachricht von Jesu Kreuzigung eine gute oder eine schlechte Nachricht? Wohl eine schlechte. Und trotzdem gehört sie zum Kern der „Guten Nachricht“. Sicher gibt es für gute Nachrichten einen Markt, obwohl gewisse Medienkritiker immer wieder das Gegenteil behaupten. Glücklicherweise interessieren sich die Menschen für alles, was Menschen tun oder erleiden, für alles, was menschlich ist. Das Kriterium für die Marktfähigkeit liegt nicht darin, ob eine Nachricht gut oder schlecht ist, sondern darin, ob sie etwas Besonderes, etwas Aussergewöhnliches und Exemplarisches beinhaltet. „Hund beisst Mann“ ist keine Nachricht, „Mann beisst Hund“ ist eine. Dabei ist der männliche Biss keineswegs schlechter als der hündische.

Beni Gafner, Chefredaktor Radio Munot, Schaffhausen:
In einer wirtschaftlich nicht sehr starken Region wie Schaffhausen gibt es einen offenen Markt für Nachrichten mit positivem Inhalt. Dabei denke ich vor allem an erfreuliche Nachrichten aus der Wirtschaft. Zum Beispiel wenn neue Arbeitsplätze entstehen oder grosse Investitionen getätigt werden. Solche Nachrichten entsprechen heute, im Gegensatz zur Hochkonjunktur, vermehrt einem Bedürfnis. Somit stimmt der Slogan „only bad news are good news“ – zumindest für unseren Sender – nicht.
Für einen Lokalsender wie „Radio Munot“ gibt es Pflichtstoff, der unbedingt ins Programm gehört: Aktuelle Ereignisse, lokale Informationen und zwar unabhängig davon, ob deren Inhalt „good“ oder „bad“ ist. Gute Nachrichten bedeuten für mich in erster Linie „gut gemachte“ Nachrichten. Dazu gehören auch gut gemachte Nachrichten mit positivem Inhalt, die zur Aufmunterung geeignet sind. Die Bedürfnisse der ZuhörerInnen spielen eine zentrale Rolle. Dabei käme ich jedoch niemals auf die Idee, dass nur negative Nachrichten dem HörerInnenbedürfnis entsprechen. Zugleich besteht die Hoffnung, dass das offenbar vorhandene Bedürfnis nach seichter und oberflächlicher Information, welches vor allem grosse Privatfernsehstationen täglich stillen, mit zunehmender Zeit nachlässt.

Peter Henrici, Medienreferent der Schweizerischen Bischofskonferenz:
Stimmt der Slogan „only bad news are good news“? Ich beobachte in den Medien eine wachsende Uniformierung. Die Zahl der Fernsehsender, die wir empfangen können, wächst; die Auswahl des Gebotenen verringert sich. Überall dasselbe. Für gute Nachrichten gibt es kaum mehr Platz. Das ist eine Folge der sogenannten „Deregulierung“, der Kommerzialisierung der Medien. Im Konkurrenzkampf um Einschaltquoten, bzw. um Auflagenhöhen stürzen sich alle auf die gleichen, wie man meint zugkräftigen Sensationsnachrichten, auf „sex and crime“ – und Sport. Keines der grossen elektronischen Medien kann es sich noch erlauben, etwas zu bringen, das sich nur an eine Minderheit wendet. Das Gute dagegen „fait peu de bruit“, wie die Franzosen sagen.
Als es noch den „service publique“ der staatlich subventionierten Sender gab (offiziell gibt es ihn immer noch; aber er wird vom Konkurrenzkampf aufgesogen), bot dieser eine Alternative. Das kamen auch Nachrichten aus Kirche und Kultur, ethisch und pädagogisch hochstehende Sendungen, zum Zuge. Unter dem Druck der Werbebranche werden diese Dienste mehr und mehr in Nischen verdrängt. Dabei gäbe es von Seiten der Medienkonsumenten durchaus einen Markt für gute Nachrichten – denken wir nur an den Erfolg der Illustrierten. Ein zweites kommt dazu. Im Konkurrenzdruck muss jedes Medium möglichst als erstes eine Nachricht bringen, einen „Scoop“ machen. Der Medienkonsument achtet mehr auf Aktualität als Qualität. Für sorgfältiges Recherchieren und für das Entdecken von freudigen Nachrichten bleibt oft wenig Zeit. Ohnehin sind Radio und Fernsehen (und jetzt auch das Internet) den Printmedien immer voraus – und sie haben weniger Platz für Nuancen.

„Medien können die Gemeinschaft zerstören, wenn sie die Empfänger auf blosse Zahlen oder konkurrierende Interessengruppen reduzieren“, heisst es in der päpstlichen Botschaft zum Mediensonntag. Medien können aber auch Gemeinschaft schaffen. Man kann die Medien nach ihrer Effizienz beurteilen, nach ihrer Fähigkeit in möglichst vielen Konsumenten möglichst viel zu bewirken. So urteilen die Werber und Vermarkter. Man kann im Medienkonsum aber auch ein Ritual sehen, das die Menschen zusammenführt und Gemeinschaft schafft. Denken wir etwa an die „Tagesschau“, die Sportsendungen, an Reihen wie „Fascht e Familie“ oder an die Arena“. Viele Menschen sehen sich diese Sendungen an und reden danach gemeinsam darüber.

Als katholischer Medientheoretiker gebe ich dieser zweiten Sichtweise den Vorzug. Wir können kirchlicherseits keinen grossen Einfluss auf den deregulierten Medienmarkt nehmen. Aber wir können auf das gemeinschaftsfördernde Potential „guter“ Nachrichten hinweisen. Und wir werden die „kleinen“, alternativen, empfängernahen Medien – z.B. Pfarrblätter, Lokalradios, „Heftli“ – besonders fördern. Sie schaffen Gemeinschaft. Und sie können es sich leisten, „gute“ Nachrichten zu bringen.

Fredi Lerch, Redaktor „WochenZeitung WoZ“:
Heutzutage hat alles einen Markt, auch die „gute Nachricht“. Allerdings muss man wissen, dass es zwei verschiedene Sorten solcher Nachrichten gibt, die einen sehr ungleich grossen Markt haben. Es gibt einerseits die „gute Nachricht“, die moralisch Gutes zu transportieren vorgibt und synonym steht für eine möglichst widerspruchsfreie, politisch blinde Judihui-Publizistik, an der eigentlich vor allem interessiert, wer warum wie und mit welchen Interessen gemogelt hat, damit die Widersprüche nicht ins Bild kommen. Das ist jene zynische oder „gut gemeinte“ Boulevard- oder PR-Publizistik, die das Selbstverständliche leugnet: dass in jeder Nachricht moralisch Gutes und Schlechtes gleichermassen steckt. Solche „good news“ haben einen grossen Markt, weil sie ihre LeserInnen in der Vermutung bestärken, dass Wahrheit und Dummheit in Wirklichkeit eben doch zusammenfallen.
Nun ist aber jede journalistische Nachricht „gemacht“. Darum ist im journalistischen Sinn die „gute Nachricht“ immer „die gut gemachte Nachricht“. Das aber ist jene, die – nach genauer Beobachtung mit dem Werkzeug der Kritik – auf gute Art die im beschriebenen Phänomen steckende öffentlichkeitsrelevante, das heisst gesellschaftspolitische Widersprüchlichkeit zur Darstellung bringt. Die im journalistischen Sinn „gute Nachricht“ hat nur einen kleinen Markt, weil sie die LeserInnen immer wieder neu darin verunsichert, wie die Wirklichkeit menschenfreundlich und gesellschaftspolitisch vernünftig zu denken sei.

Hans Kuhn-Schädler, Chefredaktor „kirche+pfarrei Forum“:
„Mit Lebenden kann ich mehr anfangen!“ Diese spontane Äusserung stammt aus dem Munde eines Behinderten aus dem Dokumentarfilm „Die Regierung“. Der junge Mann sinniert dabei über seine Befindlichkeit am Sterbebett des Grossvaters. Am liebsten hätte er den Toten aufstellen wollen. Aber so, wie er leblos dalag, konnte er mit seinem Grossvater nichts mehr anfangen.
Ich denke, dass diese Episode eine Analogie sein kann zu den Wirkungen von Mitteilungen in den Medien. Da gibt es viele Leichen, aus denen keine Lebenskraft mehr durchbricht. Es ist nicht so sehr die Frage, ob die Nachricht eine gute oder eine schlechte ist. Die Frage ist, ob sie Lebensenergie überträgt. Gute Mitteilungen können tatsächlich totlangweilig sein, wenn sie brav und leidenschaftslos serviert werden. Vielleicht enthalten manche negativen Meldungen mehr Emotion? Vielleicht sind sie nicht „so gewöhnlich“? Das ist keine Kritik am Alltäglichen. Aber dennoch: das Aussergewöhnliche ist verlockender.
Wenn das Negative zum Alltag wird, wird das Berichten darüber auch kaum mehr wahrgenommen und wirkt abstossend. Immer wieder höre ich von Leserinnen und Lesern, dass persönliche, positiv-kritische Texte sehr geschätzt werden, hat man doch genug von den zersetzenden und vernichtenden Nachrichten, die täglich den Menschen ins Gesicht prasseln. Dann kann eine gute Nachricht auch ihren Anreiz haben, vor allem wenn sie entsprechend daher kommt: „farbig“, leidenschaftlich, persönlich, lebendig, wider den „lahm-frommen Wort-Durchfall“!

Rolf Weibel, Chefredaktor „Schweizerische Kirchenzeitung“:
Welcher Markt? Nachrichten, die in Presse, Radio und Fernsehen angeboten werden, haben einen zweistufigen Markt. Denn bevor sie zum Konsumenten und zur Konsumentin kommen können, müssen sie einen Weg in die Medien finden. Und diesen finden sie nur, wenn sie von den Medienschaffenden als „gut“ im Sinne von „mitteilenswert“ beurteilt werden. Die Medienschaffenden stützen sich dabei auf ein erklärtes oder unausgesprochenes journalistisches Leitbild. Heute, aber wohl erst heute, sind drei Arten journalistischer Arbeit zu beobachten: Ein aufklärerischer Journalismus, der sich um Sachlichkeit bemüht; ein anwaltschaftlicher Journalismus, der die Themen herausstellt, die betroffen machen; ein unterhaltender Journalismus, der nicht nur mit unterhaltsamen Themen unterhalten will. Je nach Art des Journalismus wird die „Güte“ einer „guten Nachricht“ anders beurteilt. Andererseits könnte manche sachliche „gute Nachricht“ auch bei den Medienschaffenden besser ankommen, wenn auch ihre innere Spannung dargestellt würde. So haben „gute Nachrichten“ nach wie vor einen Markt; nur sind ihre Chancen auf den verschiedenen Märkten unterschiedlich gut.

Hugo Bütler, Chefredaktor „Neue Zürcher Zeitung“:„Die „Neue Zürcher Zeitung“ ist kein Boulevard-Blatt, wir sehen uns als seriöse Zeitung. Unsere Aufgabe ist es in erster Linie, dem Leser Informationen zu vermitteln, seien dies gute oder schlechte Nachrichten. Wir veröffentlichen Berichte wegen ihrer Wichtigkeit, wegen der Sache selbst, nicht aufgrund schlechter (oder auch guter) Nachrichten.
Ich bin durchaus der Meinung, dass es für „good news“ einen Markt gibt. Ich glaube auch nicht, dass es in der Natur des Journalismus liegt, nur schlechte Nachrichten zu publizieren. Ein guter Journalist will seine Leser informieren, will ihnen Zusammenhänge aufzeigen.
Für einen Journalisten wie für eine Zeitung sind jedoch Veränderungen interessanter als Stabiles. Veränderung dürfen allerdings nicht mit „bad news“ gleichgesetzt werden. In der „Neuen Zürcher Zeitung“ berücksichtigen wir in den verschiedensten Bereichen, wie Politik, Wirtschaft oder Kultur beide Seiten. Es ist für uns in gleicher Weise interessant, ob eine neue Firma gegründet wird oder ob ein Unternehmen Konkurs anmeldet. Unser Auswahlprinzip richtet sich nicht nach schlechten Nachrichten. Wir berichten aber auch nicht nur über Veränderungen. Unser Afrika-Korrespondent zum Beispiel zeigt Hintergrundinformationen auf, durchleuchtet auch stabile staatliche Gebilde, ohne gezielt nach schlechten Nachrichten zu suchen.
Unser Name steht für eine seriöse Arbeit, für kritisches Hinterfragen, nicht für schlagzeilen-trächtige „bad news“.

Ueli Schmezer, Moderator und Redaktor beim „Kassensturz“:
„Ich glaube nicht, dass es für gute Nachrichten einen Markt gibt. Oder besser gesagt: es gibt keinen Markt für ein Produkt, dass nur gute Nachrichten verkauft. Meines Erachtens liegt das nicht an den Journalisten, sondern am Publikum. Tragische Meldungen sind für den Konsumenten viel interessanter.
Mit dem „Kassensturz“ bieten wir eine kritische Berichterstattung für den Konsumenten. Wir beschränken uns nicht darauf, schlechte Nachrichten zu verbreiten. Bei uns entstehen aus schlechten Nachrichten oft neue Ideen, wir zeigen Ansätze, wie man etwas besser machen kann und berichten von Unternehmen, die mit einer schwierigen Situation gekonnt umgehen. Wir loben auch, wenn ein Konsumanbieter ein gutes Produkt auf den Markt bringt. Wir vergleichen zwischen schlechten und guten Anbietern. Das will der Zuschauer sehen.

Josef Bossart, Leiter der deutschsprachigen Redaktion der Katholischen Internationalen Presseagentur (Kipa):
Nur gute und nichts als gute Nachrichten! Es gab in der wechselvollen Geschichte der Medien immer wieder Produkte, die diese Devise tapfer in die Tat umzusetzen versuchten. Doch über kurz oder lang musste die edle Absicht vor der Realität des Marktes klein beigeben.
Menschliche Neugierde entzündet sich am Ausserordentlichen. Weshalb trifft der 8.15-Uhr-Zug erst um 8.53 Uhr ein? Dass das Ausserordentliche in vielen Fällen eher eine schlechte Nachricht ist, damit hat man sich wohl abzufinden: Eine Fahrleitungsstörung hat den Intercityzug der SBB lahmgelegt.
Und dennoch: Eigentlich sind wir Medienkonsumenten begierig auf gute Nachrichten. Nicht auf solche allerdings, die unter Ausblendung unschöner Aspekte verbreitet werden, sondern auf solche, die gewissermassen das Gütesiegel der Authentizität tragen, weil sie letztlich „Trotzdem“-Geschichten sind: Hoffnungsgeschichten. Zwar sprechen „Traditionalisten“ und „Modernisten“ in der Pfarrei seit Jahren praktisch nicht mehr miteinander – und trotzdem: Es gibt da eine junge Pfarreisekretärin, die es geschafft hat, „Traditionalisten“ und „Modernisten“ zum zwanglosen Jassturnier zusammenzubringen, wo man beidseitig erstaunt feststellt, dass die andere Seite gar nicht so stur ist.
Es gibt durchaus einen Lesermarkt für gute Nachrichten. Bedingung ist allerdings, dass einem kein X für ein U vorgemacht wird: Hoffnungsgeschichten finden sich selten dort, wo die Welt blütenweiss oder aber rabenschwarz ist; „Trotzdem“-Geschichten, unscheinbare oder offensichtliche, gedeihen in den Grauzonen. Aber dorthin verirrt man sich als Journalist eher unfreiwillig: zu unspektakulär, kaum ergiebig für die schnelle Schlagzeile.