Gestalter, Spieler, Denker
Zum Rücktritt von Matthias Loretan als Geschäftsführer des Katholischen Mediendienstes – eine persönliche Würdigung von seinem reformierten Kollegen und Weggefährten Urs Meier.
Wir sind eine lange Strecke gemeinsam gegangen. Er zuerst als Redaktor der Filmzeitschrift ZOOM, dann als Geschäftsführer des Katholischen Mediendienstes, ich anfangs als reformierter Fernsehbeauftragter und später als Geschäftsführer der Reformierten Medien. Gut zwei Jahrzehnte Medienentwicklung haben wir zusammen erlebt. Am Anfang dieser Periode war Privatfernsehen in Europa so gut wie unbekannt, in der Schweiz gab es kein Privatradio, und in den Büros ratterten die Kugelkopf-Schreibmaschinen.
Ob man zusammenarbeiten solle zwischen den beiden kirchlichen Medienstellen, war nie eine Frage. Wir taten es, und zwar in zunehmendem Ausmass und mit grösster Selbstverständlichkeit. Unter Kooperation verstanden wir niemals nur das praktische Geschäft. Alles, was diesem vorangeht, war erst recht gemeinsame Sache: sich auf dem Laufenden halten über die sich überstürzende Medienwelt, Prognosen und Theorien über die gesellschaftliche Kommunikation sichten und verarbeiten, Szenarien und Pläne entwerfen für einen kirchlichen Umgang mit der aufkommenden Informationsgesellschaft, Stellungnahmen formulieren zu medienpolitischen Konzepten und Regelungen, Ideen ausbrüten für Experimente und Pilotprojekte in der kirchlichen Medienarbeit.
Matthias Loretan hat in einer bewegten Epoche die katholische Medienarbeit massgeblich gestaltet. Vielleicht folgenreicher noch als äussere Veränderungen wie die Einstiege ins Internet und in die Radioproduktion sind die geistigen Koordinaten, nach denen er die praktische Arbeit ausgerichtet hat. Die Leitvorstellung einer humanen Kommunikation hat er in einer Weise mit kirchlicher Medientätigkeit verknüpft, dass ein Überschuss an Orientierungskompetenz erwächst. Aus dem, was da mehr ist als nur das zum Handeln Nötige, entstehen erst professionelles Ethos und gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Er hat stets dafür gesorgt, dass der Katholische Mediendienst trotz oft beschwerlichen Bedingungen sich solchen „Luxus“ geleistet hat. Ohne kämpferische Standfestigkeit – auch ein so sanfter und freundlicher Mensch wie Matthias Loretan braucht sie und ist ihrer offensichtlich fähig – hätte er das nicht geschafft, denn selbst in der Kirche ist es gelegentlich schwierig zu erklären, weshalb Dinge, die über das unmittelbar Nötige hinaus gehen, nicht unnötig sind.
Doch ein Kämpfer ist Matthias Loretan im Grunde nicht. Ihm liegt viel eher das Spiel, das zwar auch Wettkampf sein kann, dabei aber weniger erfolgsversessen und mehr interaktionsvernarrt ist. Er liebt es, in Möglichkeiten und Varianten zu denken, hat ein fast schon sinnliches Verhältnis zum Vorgang des Wägens von Ideen. Schwere Brocken sagen ihm weniger zu als luftige Gebilde. Das Verflüssigen erstarrter Vorstellungen liegt ihm besonders. Spielerischer Phantasie traut er grosse Bewegkraft zu; sie ist für ihn keine blosse Lockerungsübung, sondern kann handfeste Folgen zeitigen. Das beste Beispiel hierfür ist sein eigener Abgang vom jetzigen Posten. Als die Finanzmisere den Handlungsspielraum des Katholischen Mediendienstes bedrohlich einengte, tat er das Unerwartete: Er gab seinen Platz frei und wählte für sich den ebenso schwierigen wie beflügelnden Weg in eine ungesicherte und offene berufliche Situation.
Der Gestalter, der als Spieler agiert, könnte leichtfertig erscheinen, wenn er nicht auch als Denker seine Spuren zöge. Matthias Loretan betreibt die intellektuelle Arbeit hinter dem Tagesgeschäft beharrlich und eindringlich. Er scheut die Mühen des Vergeblichen nicht, ohne die keine geistigen Höhenflüge zu haben sind. Nach gängiger Vorstellung bewegt man sich in der Sphäre des Denkens ungebunden, während das praktische Tun durch viele Zwänge eingeschränkt ist. Mir scheint fast, als wäre Matthias Loretan statt diesem Gemeinplatz einem Gegenmuster gefolgt: Auf der Basis einer disziplinierten Denkarbeit, die sich an etablierten Theorien abarbeitet, hat er die Spielräume des Planens und Handelns weit öffnen können.
Dass ich mit dem Weggang von Matthias Loretan aus der Führung des Katholischen Mediendienstes einen inspirierenden Partner verliere, brauche ich nach dem Gesagten nicht zu betonen. Erfreulich, dass der Abschied wenigstens nur beruflich ist. Und ebenso erfreulich die Tatsache, dass der abtretende Freund die Zusammenarbeit im verbindenden Netzwerk so tief inkulturiert hat, dass ich mir für die zukünftige Kooperation zwischen dem Katholischen Mediendienst und den Reformierten Medien keine Sorgen mache.
Für ungezählte Diskussionen, viele gemeinsam realisierte Projekte, miteinander erlebte Erfolge und zusammen durchgestandene Enttäuschungen, aber auch für die selbstverständliche Offenheit in jeder Situation und einen generösen Stil des Umgangs sage ich herzlichen Dank.
Urs Meier, Geschäftsführer Reformierte Medien
14/02, 9. April 2002
