Familienfest zum Sechzigsten

Mit einem grossen Familienfest feierten die Internationalen Filmfestspiele Berlin ihren runden Geburtstag. Neben Stars und Gästen, die längst zur Festivalfamilie gehören, war die Familie auch als Thema in zahlreichen Wettbewerbsbeiträgen überaus präsent. Die Frage, wie es angesichts zerbrechender klassischer Familienmodelle weiterhin möglich ist, Verantwortung füreinander zu tragen, war so etwas wie der rote Faden. Einen Doppelerfolg durfte „Bal“ verbuchen, der nicht nur den Preis der Ökumenischen Jury erhielt, sondern auch mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde.

„Bal“ („Honig“) von Semih Kaplanoglu erzählt in beeindruckenden, poetischen Bildern die Geschichte eines sechsjährigen Jungen in einem Dorf im Nordwesten der Türkei. Der kleine Yusuf erfährt an der Hand seines Vaters vom Zauber und den Geheimnissen der Natur. Sie wird ihm zur eigentlichen Schule des Lebens. Der Film ist ein starkes Plädoyer für eine Kultur der Achtsamkeit gegenüber der Natur und eine Einladung zu einer Entdeckungsreise zu den spirituellen Grundlagen menschlichen Lebens. Auch die Internationale Jury würdigte ihn als besten Film mit dem Goldenen Bären. Er wurde weitgehend mit natürlichem Licht und in einer faszinierenden Waldlandschaft gedreht, die wie Kaplanoglu in seinen Dankesworten sagte, durch Kraftwerkprojekte bedroht ist. „Bal“ ist der dritte Teil einer Trilogie über die Kindheit eines Dichters. Der Erfolg auf der Berlinale wird hoffentlich dazu beitragen, dem Film und seinen beiden Vorgängern eine Öffentlichkeit zu schaffen. Zumindest für die Schweiz ist mit trigon-film bereits ein Verleih gefunden.

Keine „heilen“ Familien …

Bei einem Festival mit politischem Anspruch verwundert es nicht, dass auf der Leinwand keine heilen Familien vorgeführt wurden. Durchweg begegnen uns versehrte Menschen in brüchigen Strukturen: Familienmitglieder sitzen im Gefängnis oder haben sich zum Geldverdienen ins Ausland abgesetzt. Doch immer wieder gibt es Hoffnungszeichen, Ahnungen von der Kraft, die ungeachtet aller Probleme in dieser menschlichen Grundstruktur, diesem kleinsten gemeinsamen Nenner allen sozialen Interagierens liegt. Idealtypisch ist dieses Thema umgesetzt im Spielfilmdebut des rumänischen Regisseur Florin Serban „Eu Cand Vreau Sa Fluier, Fluier“ („Wenn ich pfeifen möchte, pfeife ich“). Der mit dem Silbernen Bären und dem Alfred-Brauer-Preis ausgezeichnete Film vermittelt das schonungslos realistische Bild eines Lagers für jugendliche Straftäter. Der kurz vor seiner Entlassung stehende Silviu riskiert aus einem tiefen Verantwortungsgefühl das eigene Leben, um seinem kleineren Bruder eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Die Verknüpfung der Familienthematik mit der seit über 60 Jahren anhaltenden Trennung zwischen Festlandchina und Taiwan im Eröffnungsfilm „Tuan Yuan“ („Apart Together“) überzeugte ebenfalls. Wan Quan’an, der 2007 für „Tuyas Hochzeit“, den Goldenen Bären gewonnen hatte, nahm diesmal einen Silbernen Bären für das Beste Drehbuch entgegen.

Auch in den Nebensektionen „Panorama“ und „Forum“ war die Familienthematik sehr präsent. „Kawasakiho Ruze “ (Kawasaki’s Rose) von Jan Hrebejk verbindet sie auf spannende Weise mit der Frage nach persönlicher Schuld, Erinnerung und Vergebung im Rahmen einer posttotalitären Gesellschaft. Feo Aladags „Die Fremde“ („When We Leave“) bietet einen unerwarteten Blick auf die Familienstrukturen einer türkischen Familie in Berlin, die an den patriarchalen Traditionen und religiös-kulturellen Rollenmodellen zerbricht. Der eindrucksvollste Beitrag im „Forum“ zum Thema Familie war „Winter’s Bone“ von Debra Granik, ein spannender, dokumentarisch wirkender Film über eine starke, junge Frau aus der weissen Unterschicht Missouris, die zur kraftvollen und furchtlosen Beschützerin ihrer Geschwister und ihrer kranken Mutter wird.

… grosses Kino …

In diesem Berlinalejahrgang waren gleich zwei Altmeister des Kinos vertreten: Roman Polanski mit „The Ghost Writer“ und Martin Scorsese mit „Shutter Island“ (Ausser Konkurrenz). Polanskis mit dem Silbernen Bären für die beste Regie ausgezeichneter Politthriller über einen britischen Ex-Premier, der sich mit einer Anklage wegen Kriegsverbrechens konfrontiert sieht, ist ein perfekter Genrefilm in Hitchcock-Tradition. Überzeugend sind nicht allein die Hauptdarsteller Ewan McGregor, Pierce Brosnan und Kim Catrall, sondern auch die Besetzung der Nebenrollen mit Eli Wallach und Tom Wilkinson. Nicht zuletzt das vorzügliche Drehbuch von Robert Harris mit Dialogen voll schwarzem Humor lassen „The Ghost Writer“ zu Polanskis bestem Thriller seit „Chinatown“ werden.

Grosses Kino kann aber auch ganz ohne Stars und Genrekonventionen auskommen. Der russische Beitrag „Kak Ya Provel Etim Letom“ („How I Ended This Summer“) von Alexej Popogrebski konzentriert sich ganz auf seine archaische Geschichte, den Kampf zweier Männer in der Einsamkeit und auf seinen extremen Schauplatz, eine Wetterstation am Ende der Welt auf einer arktischen Insel. Grigori Dobrygins und Sergei Puskepalis´ intensive Darstellung dieser extremen Auseinandersetzung, die auch ein Generationenkonflikt ist, wurde „ex aequo“ mit dem Silbernen Bären für den besten Schauspieler belohnt. Ein weiterer Silberner Bär würdigte die Kameraarbeit von Pavel Kostomarov, der Bilder von grosser Einsamkeit, Gefahr und faszinierender Schönheit zeichnet.

… und unliebsame Geburtstagsgäste

Zu jeder Geburtstagsparty erscheinen einige Gäste einfach nur, weil sie zur Familie gehören. Vielleicht erklärt sich so, dass die Filmauswahl der 60. Berlinale nicht zu den Besten in der Geschichte der Festspiele zählt. Manchmal hatte man den Eindruck, dass jeder, der schon mal da war und einen Bären gewonnen hatte, berücksichtigt wurde. „A Woman, A Gun And A Noodle Shop“ von Zhang Yimou (Goldener Bär für „Rotes Kornfeld“ 1988) konnte noch mit schönen Landschaftsaufnahmen sowie einer teilweise amüsanten Melange von Eastern- und Spaghetti-Western-Elementen mit einer Prise Coen-Brüder-Humor leidlich unterhalten. Michael Winterbottoms (Goldener Bär für „In This World“ 2003 und Silberner Bär für „The Road To Guantanamo“ 2006) „The Killer Inside Me“ mit seinen überaus brutalen Gewaltdarstellungen, zumeist gegen Frauen, stellte dagegen einen der Tiefpunkte dar. Unerträglicher war nur noch ein deutscher Beitrag mit historischem Sujet aus der NS-Zeit. Am Ende dieses schlechten Films über das wichtige Thema der Korrumpierbarkeit von Kunst und Künstlern wird Heinrich Heine zitiert: „Nicht gedacht soll seiner werden“. Das trifft es genau.

Ökumenischer Empfang und Sonderpreis

Die 60. Berlinale war auch Anlass, beim traditionellen Ökumenischen Empfang auf das jahrzehntelange Engagement der Kirchen zurückzublicken. So konnte der Vorsitzende der Publizistischen Kommission der Deutschen Bischofkonferenz, der Bischof von Rottenburg-Stuttgart Dr. Gebhard Fürst, mit Stolz darauf verweisen, dass die katholische Kirche seit 1954 mit einer Jury vertreten ist. Seit 1992 gibt es eine gemeinsame, von der katholischen SIGNIS und der evangelischen INTERFILM (eigene Jury seit 1963) bestellte Ökumenische Jury. Die Kulturbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Dr. Petra Bahr, und Bischof Fürst betonten, dass dieses traditionelle kirchliche Engagement für den Film keine Liebhaberei ist, sondern die Tatsache reflektiert, dass der Film nicht nur das Leit-Massen-Medium des 20. war, sondern auch des 21. Jahrhunderts bleiben wird.

Der aus Anlass der 60. Berlinale vergebene Sonderpreis der Ökumenischen Jury ging an Prof. Dr. Thomas Koebner, einen der Gründungsväter der deutschen Filmwissenschaft und einen unermüdlichen Vermittler von Filmwissen. Koebners Dankesworte endeten melancholisch-optimistisch: Er habe mittlerweile die Hoffnung verloren, dass es noch gelingen werde, dass Thema Film im Lernfeld Schule zu verankern. Aber schliesslich lerne man die wichtigsten Dinge vielleicht doch ausserhalb der Schule. Damit hatte er eine wichtige Botschaft des diesjährigen Berlinalesiegers „Bal“ vorweggenommen.

Markus Leniger, Katholische Filmkommission für Deutschland
leniger@akademie-schwerte.de

Preisträger der Ökumenischen Jury

Der Preis für einen Film aus dem Internationalen Wettbewerb ging an:

BAL (Honig)
Regie: Semih Kaplanoglu, Türkei/Deutschland 2010

Ein gelungenes Porträt eines künftigen Dichters als Kind. „Bal“ erzählt die Geschichte der sich entwickelnden Sensibilität eines Jungen vom Lande, Yusuf, der im nordöstlichen Bergland der Türkei aufwächst. Er ist eng mit dem Wald verbunden mit seiner überwältigenden Schönheit. Yusufs Leben verweist auf die Verbindung des Menschen mit der Natur, von der wir nicht nur materiell sondern auch spirituell leben, indem die familiären Beziehungen und das Engagement in der Gemeinschaft betont werden. „Bal“ lädt dazu ein, diesen „Wald“ tiefer zu erkunden und auf eine Reise zu gehen. Es spiegelt sich darin die menschliche Seele, die nach Idealen und Menschen sucht, mit denen wir gemeinsam Leben können.

Der mit € 2.500 dotierte Preis für einen Film aus dem 40. Internationalen Forum des Jungen Films ging an:

AISHEEN (Still Alive In Gaza)
Regie: Nicolas Wadimoff, Schweiz/Katar 2010

Der Dokumentarfilm entstand unmittelbar nach Ende der militärischen Offensive Israels in Gaza im Jahr 2009. Ohne explizite Erklärungen vorzugeben, vermittelt der Film Eindrücke vom täglichen Leben in Gaza. Er zeigt nicht allein die Ruinen, sondern auch die Schönheit des Strandes, Theatergruppen von Kindern und den Wiederaufbau eines von Bomben zerstörten Karussells. Hoffnung und Neubeginn sind verbunden mit der Trauer über den Verlust von Angehörigen und des über Generationen bearbeiteten Landes. Das Leben erweist sich so widerstandfähig wie der Löwenzahn, der durch den Asphalt bricht.

Der mit € 2.500 dotierte Preis für einen Film aus dem 21. Panorama ging an:

KAWASAKIHO RUZE (Kawasaki´s Rose)
Regie: Jan Hrebejk, Tschechische Republik 2009

Der Film erzählt eine Episode aus dem Leben eines angesehenen Psychologen, der sich intensiv mit Erinnerung beschäftigt. Er selbst hat vor Jahren einen Freund verraten, der schliesslich das Land verlassen musste. Der Film stellt Fragen nach der Wahrhaftigkeit und der Lüge, der Verantwortung und der Vergebung, sowohl in der Gesellschaft als auch in der Familie. Er betont die Bedeutung von kollektiver und persönlicher Erinnerung im Blick auf gesellschaftliche Erneuerung nach den Erfahrungen im totalitären System.

Mitglieder der Ökumenischen Jury:
Werner Schneider-Quindeau, Deutschland (Präsident)
Philip Lee, Kanada
Markus Leniger, Deutschland
Ylva Liljeholm, Schweden
Edgar Rubio, Mexico
Alberto Ramos Ruiz, Kuba

Offizielle Festivalseite:
http://www.berlinale.de
Kirchliche Filmorganisationen:
http://www.signis.net
http://www.inter-film.org

Interview von Radio Vatikan mit Werner Schneider-Quindeau, dem diesjährigen Präsidenten der Ökumenischen Jury:
http://www.oecumene.radiovaticana.org/ted/Articolo.asp?c=358596