Familiendramen im Wettbewerb von Locarno

Der italienisch-rumänische Film „Mar Nero“ von Federico Bondi gewinnt den Preis der Ökumenischen Jury am 61. Filmfestival Locarno (6. bis 16. August). Daneben fielen Filme über zerrüttete Familienverhältnisse im Wettbewerb auf. Filmperlen wie der politisch und menschlich brisante Film „La Fortresse“ waren in den Nebensektionen zu sehen.

„Mar Nero“, der Preis Ökumenische Preisträger, erzählt von der rumänischen Haushaltshilfe Angela, die ihren Mann und ihr Land verlassen hat, um eine bessere Zukunft in Italien zu finden. Dort lernt sie Gemma, eine ältere, gelenkkranke Frau kennen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten gehen Gemma und Angela immer stärker aufeinander ein. Konsequent erzählt der Film von einer italienisch-rumänischen Freundschaft zwischen den beiden Frauen. Gemäss der Ökumenischen Jury zeigt der Film „eine fein gewobene Geschichte“. Weiter begründet die sie ihren Entscheid mit Werten, die für den Integrationsprozess in Europa wichtig sind: „Auf dem Hintergrund der wirtschaftlichen und politischen Fragen angesichts der Integration Rumäniens in die Europäische Union ist dies ein emotional bewegender Film über Toleranz, gegenseitige Akzeptanz, Vergebung und Hoffnung.“
Die Ökumenische Jury zeichnet zudem den Film „Yuriev Den“ von Kirill Serebrennikov mit einer lobenden Erwähnung aus. „Der Film ist voller Bezüge auf christliche Ikonographie sowie russische Literatur und russisches Filmschaffen. Seine hohe künstlerische Qualität und seine symbolische und metaphorische Bildsprache machen den Film offen und herausfordernd“, begründet sie ihren Entscheid.

Familiendramen

Besonders häufig waren im Internationalen Wettbewerb die Adoleszenzgeschichten und der Topos der beschädigten Familie. Aus der Sicht der Kinder und Jugendlichen tut sich hier ein Abgrund auf, der sich nur durch Vertrauen, Glück oder Glaube an das Leben überbrücken lässt. Der niederländische Beitrag „Het zusje van Katia“ zeigt konsequent die Perspektive eines Mädchens in einer ausschliesslich aus Frauen bestehenden Familie. Mijke de Jong, die einzige Regisseurin im Wettbewerb, zeigt, dass auch in sozial aussichtlosen Situationen ein Funke der Liebe und der Geborgenheit überspringen kann. Ebenso ist „Kisses“ von Lance Daly ein Versuch, die soziale Misere von zwei benachbarten Kindern zu überwinden. Dylan und Kylie brechen aus ihrem Alltag aus und verbringen eine Nacht in den Strassen von Dublin. Dabei wird ihre Erlebniswelt immer reicher und farbiger, bis sie am nächsten Morgen von der Polizei nach Hause gebracht werden. Hier erwartet sie wiederum der düstere und gewalttätige Alltag. Doch sie sind um eine Erfahrung des gemeinsamen Abenteuers reicher und vielleicht widerstandsfähiger.

Filmperlen in Nebensektionen

Insgesamt war der Wettbewerb von durchschnittlicher Qualität, wobei sich die Suche nach Filmperlen eher in den Nebensektionen lohnte. Zum Beispiel in der „Semaine de la critique“, die mit „Nobody’s Perfect“ ein überzeugendes Porträt von contergan-geschädigten Menschen zeigt. Der Regisseur Niko von Glasow ist selbst davon betroffen. Er sucht im Film elf Schicksalsgenossen, die ebenfalls seit Geburt Missbildungen an Armen und Beinen haben. Offen stellen sie ihren Körper in einem Photoshooting zur Schau und kehren damit den Blick um. Ebenfalls politisch und menschlich brisant ist der neue Film „La Fortresse“ von Fernand Melgar, der Flüchtlinge und Betreuer im Empfangszentrum für Asylsuchende von Vallorbe zeigt. Von beiden Seiten werden einige Protagonisten von der Kamera begleitet. Von der Asylbewerberin, welche ihr Kind zur Welt bringt, über den Mann aus Togo, der verzweifelt nach seinem Vater in der Schweiz sucht, bis hin zum Äthiopier, der offenbar die Geschichte eines anderen erzählt und sich damit bessere Chancen auf Asyl erhofft. Zum anderen erhält man einen Einblick in den Tagesablauf einiger Angestellten mit ihren Aufgaben innerhalb des Zentrums. Melgar nimmt uns mit in diese unbekannte Welt der Schweizer Empfangszentren für Asylsuchende und zeigt das dort herrschende Klima.

Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
charles.martig@kath.ch

Preis der Ökumenischen Jury
„Mar Nero“ von Federico Bondi (Italien/Rumänien/Frankreich 2008)

Der Preis der Ökumenischen Jury ist mit 20´000 Franken dotiert und wird von der römisch-katholischen Kirche und von den reformierten Kirchen der Schweiz getragen. Er dient dazu, „Mar Nero“ in die Schweizer Kinos zu bringen.

Lobende Erwähnung
„Yuriev Den“ von Kirill Serebrennikov (Russland/Deutschland 2008)

Mitglieder der Jury 2008
Alexander Deeg (Deutschland)
Felipe Espinosa Torres (Mexiko)
Douglas Fahleson (Irland)
Serge Molla (Schweiz) – Präsident
Astrid Polz-Watzenig (Österreich)
Sham P. Thomas (Indien)

Impressionen der Juryarbeit (Bildgalerie, Radiointerview):
http://www.kirchen.ch/filmjury/aktuell.php?la=d

Zur Zeit ist mit „La maison jaune“ der Ökumenische Preisträger von Locarno 2007 in den Schweizer Kinos zu sehen.
Filmtipp „La maison jaune“:
https://www.medientipp.ch/index.php?na=3,1&meid=98878