Es war einmal… die Schweiz

Anfang Dezember 2002 erscheint eine aussergewöhnliche Sammlung der allerersten Filme, die in der Schweiz gedreht wurden. Die DVD präsentiert eine erste Bilanz der von der Cinémathèque organisierten Rettungsaktion der Schweizer Filme sowie der Filme über die Schweiz, die in den Jahren 1896-1934 entstanden sind. Der grosse Erfolg am Stummfilmfestival in Pordenone (Norditalien) zeigt, dass die Cinémathèque suisse zu den führenden europäischen Instituten der Filmrestauration gehört.

Faszinierend ist an den Filmen aus den Jahren 1896-1934 vor allem der Blick. Die historische Distanz ermöglicht die Entdeckung einer anderen Schweiz, die Erinnerung an eine andere Zeit. Die Rettung dieses Kulturgutes hat für die Cinémathèque höchste Priorität.
 
 
Grosser Erfolg am Stummfilmfestival in Pordenone

Im Herbst 2002 war die Schweiz Ehrengast der „Giornate del cinema muto“ in Pordenone-Sacile (Norditalien), wo sich jährlich Filmfachleute treffen, die sich für den Stummfilm engagieren: Historiker, Forscher, Archivisten und Spezialisten für Restaurierung aus der ganzen Welt, von Washington bis Canberra. Für die Cinémathèque war es eine Herausforderung, in diesem Rahmen rund 40 Kurz- und Langfilme des Schweizer Stummfilms zu zeigen. Der grösste Teil davon wurde seit 1996 gerettet und mit einem wissenschaftlichen Katalog versehen. Zum Anlass der „Giornate del cinema muto“ publizierte die Cinémathèque gemeinsam mit dem Verlag Antipodes (Lausanne) das Buch „Le cinéma suisse muet“ unter der Leitung von Rémy Pithon. Autoren aus verschiedenen Landesteilen haben daran mitgearbeitet: Gianni Haver, Roland Cosandey, Felix Aeppli, Mariann Lewinsky Farinelli, François Albera etc. Der grosse Erfolg in Pordenone wurde gekrönt von der Film-premiere „La vocation d´André Carel“ (Die Berufung des André Carel, 1924), von Jean Choux, mit Michel Simon in der Hauptrolle. Dieser Film stand bis zu diesem Zeitpunkt nur in fragmentarischer Form, verkratzt und mit Flecken übersät. Nach zweijähriger Rekonstruktionsarbeit erscheint er nun endlich in der vollständigen Form, in seiner ursprünglichen Montage und seinen Farbviragen. Die Premiere des Films war eine Offenbarung und sorgte in Pordenone für Begeisterung und allgemeine Anerkennung. Eine Vorführung des Films ist sowohl in Zürich (Frühjahr 2003) als auch am nächsten Filmfestival Locarno geplant.

Die allerersten Filme der Schweiz auf DVD

Die intensiven Restaurationsarbeiten für Pordenone haben uns motiviert ein Angebot der Egli Film & Video AG aufzunehmen und eine DVD herauszugeben. Diese enthält eine verführerische Sammlung von Schweizer Filmen, die in den letzten Jahren gerettet wurden. Diese DVD unter dem Titel „Es war einmal . die Schweiz“ enthält visuelle Bijous aus den Jahren 1896 bis 1934. Es handelt sich um die allerersten Filmbilder der Schweiz. Die Herstellung der DVD, die von der Egli Film & Video AG, Memoriav, Suissimage Kulturfonds, Pro Helvetia und von den Freunden der Cinémathèque (LACS) gesponsert wurde, war technisch sehr aufwändig. Die bemerkenswerte Originalmusik stammt von André Desponds (Zürich) und alle Kommentare sind in vier Sprachen geführt.

Die DVD ist eine Entdeckungsreise durch eine verlorene Vergangenheit: Städte, die noch nicht von der Moderne transformiert sind, Fabriken mit äusserst schweren Arbeitsbedingungen, das Leben in den Bergtälern. Das wirtschaftliche, politische und kulturelle Umfeld der damaligen Schweiz zeigt sich in Aufnahmen der öffentlichen Bäder in Genf (1896), des Winzerfestes von 1905 (in Farbe), der letzten Postkutschen, der Landesaustellung in Bern (1914) oder der Rede Goebbels´ vor dem Völkerbund (1933). Es sind auch seltene Beispiele der ersten „Ciné-Journal suisse“ (seit 1923) aufgeführt, die vorerst stumm und später mit den ersten Tonaufnahmen versehen sind. Eine besondere Rarität sind auch die Bilder der ersten Produzenten des Schweizer Kinos: Die Equipe der Eos-Film in Basel (1921/22) und Lazar Wechsler der Praesens in Zürich (um 1929).

Rettungsaktion „Helvetica“

Die Strategie der Cinémathèque zur Rettung des Schweizer Filmkulturgutes („Helvetica“) begann bereits in den achtziger Jahren mit einer Initiative von Freddy Buache. Systematisch wurde die Rettung des Schweizer Films aber erst seit 1996 betrieben und mit der finanziellen Unterstützung von Memoriav ermöglicht. Das erlaubte einen jährlichen Aktionsplan mit klaren Prioritäten. Ergebnisse dieser Arbeit wurden im Jahresrhythmus am Filmfestival von Locarno gezeigt. 1998 hat die Cinémathèque ein kleines Atelier für die Restauration im Archivzentrum Penthaz eingerichtet. Damit wurde es möglich, die Reinigung, Reparatur, Montage und Lichtbestimmung intra muros zu machen. Heute ist dieses Atelier sehr leistungsfähig geworden und ermöglicht zum Teil Arbeiten, die den bekannten europäischen Restaurationslaboratorien in Bologna oder Amsterdam in nichts nachstehen.

Hervé Dumont steht am 14. November 2002 in Zürich für ein Gespräch zur Verfügung: herve.dumont@cinematheque.ch

Information: Charles Martig, Cinémathèque suisse Zürich, charles.martig@kath.ch

Credits
Production & Copyright 2002: Cinémathèque suisse, Lausanne, Musik: André Desponds (Klavier), Recording: Selmi Tonstudio AG; Screendesign, Encoding & Authoring: Egli Film & Video AG, Zürich. Sprachen: Deutsch, Französisch, Italienisch, Englisch – Code: free / PAL – Bildformat: 4:3 – Ton: mono – Dauer: 156 Min., Fr. 39.50.
Vertrieb: Schweizer Buchzentrum, Olten / Discoffice, Freiburg / Cinémathèque suisse, Lausanne, dvd@cinematheque.ch

DVD – Cinémathèque suisse / Schweizer Filmarchiv (2002): „Es war einmal . die Schweiz“. Filmbilder aus den Jahren 1896-1934 im Schweizer Filmarchiv aufbewahrt.
Inhaltsübersicht unter https://www.medientipp.ch/berichte/filmbilder.pdf