Ein Lächeln der Genesung

Für sein einfühlsames Porträt einer Berberfamilie, die sich dem Tod des einzigen Sohnes stellen muss, erhielt der aus Algerien stammende, französische Filmemacher Amor Hakkar vergangenes Jahr in Locarno den Preis der Ökumenischen Jury. Sein humor- und kraftvoller Film ist ab Mitte August im Kino zu sehen. Ein Interview mit dem Regisseur, der auch gleich selbst die Hauptrolle des trauernden Vaters übernommen hat.

Wie sind Sie zum Stoff von „La maison jaune“ gekommen?
Amor Hakkar: Ich bin in Algerien geboren, habe das Land aber im Alter von sechs Monaten verlassen und bin also in Frankreich aufgewachsen. Als Jugendlicher reiste ich einmal nach Algerien, doch blieb mir das Land fremd. Erst als mein Vater starb, lernte ich Algerien näher kennen. Mein Vater hatte sich gewünscht in seiner Heimat, dem Aurès-Gebirge, begraben zu werden. Nach der Beerdigung hatte ich dann plötzlich das Bedürfnis das Land zu entdecken; ich hatte die Landschaften gesehen und die Menschen kennengelernt, die dort in den Bergen leben. Und langsam entstand die Idee für „La maison jaune“.

Im Film holt ein einfacher Bauer seinen im Militär tödlich verunfallten Sohn für das Begräbnis nach Hause. Inwiefern sind da eigene Erfahrungen in den Film eingeflossen?
Amor Hakkar: Als ich meinen Vater nach Algerien begleitete, um ihn dort zu begraben, kannte ich niemanden, aber die Menschen waren sehr grosszügig und das hat bei mir Spuren hinterlassen. Diese Gefühle und diese Stimmung habe ich in den Film einfliessen lassen. Die Geschichte im Film ist fiktiv, doch kommen Emotionen oder Begebenheiten vor, die ich selbst erlebt habe. Beispielsweise kam ich erst knapp vor Mitternacht in dem kleinen Dorf an, in dem mein Vater begraben werden sollte. Als ich wegen der Papiere zur Polizeistation ging, schrie der Polizist: „Was willst du?“ Als ich ihm dann erklärte, dass ich meinen Vater zur Beerdigung bringe, entschuldigte er sich und stellte mir sofort die Papiere aus. Die Grosszügigkeit und die Menschlichkeit, die ich vorgefunden hatte, wollte ich in meinem Film rüberbringen.

Haben Sie deshalb auch gleich selbst die Hauptrolle übernommen? Sie führen ja nicht nur Regie, sondern spielen auch den Vater.
Amor Hakkar: Das ist etwas komplizierter, denn ich hatte nach einem Schauspieler für den Vater gesucht. Doch die Suche gestaltete sich schwierig. Es sollte jemand sein, der die Sprache der Berber spricht und der sich in das Leben und die Lage der Bauern versetzen konnte. Ich habe einige Schauspieler getroffen, doch hatte ich den Eindruck, dass es viel Zeit brauchen würde, diese anzuleiten. Ich selber bin nicht professioneller Schauspieler, hatte aber Lust die Rolle selbst zu übernehmen. Am Ende war es auch einfacher, dass ich spielte. Wir hatten für den Dreh nur 24 Tage Zeit, das Budget war klein und es blieb keine Zeit, um jemanden lange einzuführen. Ferner sind die anderen Rollen – ausser die der Mutter – mit Bauersleuten aus der Region besetzt.

Wie haben Sie den Kontakt zu den Laiendarstellern gefunden? Gerade die Darstellung der Beziehung zwischen dem Vater und seiner zwölfjährigen Tochter ist sehr eindrücklich.
Amor Hakkar: Das sind die schönen Begegnungen des Lebens – der Zufall. Manchmal funktioniert es einfach und so war es mit diesem Mädchen. Als ich sie zum ersten Mal sah, war es für mich klar, dass sie die Richtige für die Rolle ist. Dieses vielleicht auch etwas magische Zusammentreffen hat sicher auch zum Erfolg des Films beigetragen. Sie hatte etwas Aussergewöhnliches und von Anfang an verstanden wir uns wie selbstverständlich. Übrigens ist sie es auch, die das Lied am Ende des Films singt. Solche kleinen Dinge kommen manchmal zufällig zusammen im Leben.

Handelt es sich bei der Musik um traditionelle algerische Musik?
Amor Hakkar: Nein, die Musik wurde von ganz unterschiedlichen Musikern eingespielt, die sich allein von den Bildern inspirieren liessen. Sie haben sich den Film angesehen und dann mit ihren Instrumenten ausgedrückt, was sie beim Sehen empfunden haben. Sie leben alle in derselben Stadt wie ich, in Besançon.

Eine Videobotschaft des Sohnes zaubert schliesslich ein Lächeln auf das Gesicht der trauernden Mutter. Wollen Sie das auch mit ihrem Film vermitteln? Dass Kino- oder Filmbilder uns ermutigen können?
Amor Hakkar: Als erstes ermöglicht das „Wiedersehen“ des Sohnes ein Strahlen bei der Mutter. Dank der Videobilder kehrt der Sohn und damit das Lächeln ins Haus der Berberfamilie zurück. Die Liebe des Jungen bringt das Licht zurück in die Familie und erhellt den zukünftigen Weg. Aber natürlich steht dieses Lächeln der Mutter auch für den Anfang der Genesung. Nun beginnt sie den Tod ihres Sohnes zu akzeptieren.

Was hat Ihnen der Ökumenische Preis bedeutet, den Sie in Locarno vor einem Jahr erhalten haben?
Amor Hakkar: Wir sind auf den Preis sehr stolz, weil er eine Anerkennung unserer Arbeit, unseres Weges ist und der Werte, die im Film erlebt und transportiert werden.

Monica Lienin, Redaktorin Medientipp
monica.lienin@medientipp.ch

„La maison jaune“ ist Film des Monats August:
medientipp.ch/pdf/filmtipp_200808.pdf

Kinostart: 14. August 2008

Ökumenische Jury Locarno
Die Ökumenische Jury verleiht seit 1973 ihren Preis an Filmschaffende, denen es mit künstlerischer Begabung am besten gelingt, die Zuschauerin und den Zuschauer für religiöse, menschliche oder soziale Werte zu sensibilisieren. Sie befragt die Visionen der Filmschaffenden nach einem Sinn für Gerechtigkeit, Frieden und Respekt sowie nach spirituellen Dimensionen. Dabei bleibt sie offen für die Leiden und Abgründe der menschlichen Existenz und sucht nach Kinoerfahrungen, die Hoffnung geben. Der Preis ist mit 20´000 Franken dotiert und an die Filmdistribution in der Schweiz gebunden. Das Preisgeld wird von den evangelisch-reformierten Kirchen und der römisch-katholischen Kirche der Schweiz zur Verfügung gestellt.

Auch am diesjährigen Filmfestival in Locarno, das vom 6. bis 16. August stattfindet, ist wieder eine Ökumenische Jury vertreten.

Informationen zur Juryarbeit in Locarno:
http://www.kirchen.ch/filmjury