Die Shoah im Film

Sechzig Jahre nach der Befreiung von Auschwitz scheint die Shoah im Kino aktueller denn je. Eine dritte Generation von Nachkommen der Täter und Opfer des Naziregimes wendet sich dem grauenerregenden und gleichzeitig an Dringlichkeit eher zunehmenden Thema zu. Seit Steven Spielbergs Kassenschlager „Schindler´s List“ (USA 1993) entstehen international diskussionswerte Filme, die in einer neuen Unbefangenheit unerwartete Schlaglichter auf jene Zeit werfen, von der manch einer glaubt, dass sie sich als ´Negatives Absolutes´ der Darstellung völlig entziehe.

Nach 1945 entstanden aus dem nur spärlich vorhandenen Original-Filmmaterial die erschütternden Dokumentationen „Mills of Death“ (H. Burger/S. Winston/B. Wilder, USA 1945) und „Nuit et Brouillard“ (A. Resnais, F 1955). Danach war es in Europa viele Jahre still um das junge Genre Holocaustfilm. Die in Deutschland dominierende Generation der Täter und Mitläufer verhinderte einen grösseren Kinoerfolg der genannten Produktionen und anderer früher US-amerikanischer Filme wie Fred Zinnemanns „The Seventh Cross“ (USA 1944) und „The Search“ (USA 1944) oder Charlie Chaplins genialen „The Great Dictator“ (USA 1940).

Wendepunkt in der öffentlichen Debatte

Eine erste konfliktreiche Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit geschah im Rahmen der 68er-Revolte. Danach war die Zeit reif für eine entscheidende Wende auch im Film: Die Fernseh-Ausstrahlung der US-amerikanischen Serie „Holocaust“ (M. J. Chomsky, USA 1978) erreichte mit ihrer erschütternden Schilderung des Lebens einer jüdischen und einer deutschen Familie vor 25 Jahren nicht nur einen Grossteil der westdeutschen Bevölkerung, sondern löste auch in der Öffentlichkeit und in vielen Familien die ersten weitreichenden Diskussionen über die Geschehnisse zur Zeit des Nationalsozialismus aus.

Dem französischen Regisseur und Publizisten Claude Lanzmann verdanken wir schliesslich das bedrängendste Zeugnis einer Dokumentarfilmtradition, die nicht zuerst auf Publikumswirksamkeit, sondern auf Authentizität zielt: die insgesamt mehr als neunstündige Dokumentation „Shoah“ (F 1974–1985). Lanzmann versucht weder, historische Situationen nachzustellen, noch verwendet er dokumentarisches Material aus der Nazizeit. Vielmehr beteiligt er den Zuschauer mit Hilfe von ausführlichen Interviews an einem Prozess der Erinnerung. Opfer, Täter und Schauplätze werden in ihrer heutigen Gestalt gezeigt, also mit den Spuren des Vergessens, der Verdrängung und Verklärung.

Perspektive der Opfer und Täter

Nicht nur einem kleinen Kreis von Interessierten zugängliche Dokumentationen, auch Spielfilme wie Roman Polanskis mehrfach preisgekröntes Drama „The Pianist“ (USA 2002) um das verzweifelte Überleben einer grossbürgerlichen Familie im Warschauer Ghetto haben die letzten Jahre hervorgebracht. So reflektieren die Filme „Meschugge“ (D. Levy, D/CH 1997), „Abrahams Gold“ (J. Graser, D 1989) und „Kalmans Geheimnis“ (J. Krabbé, NL/D/USA 1997) ausdrücklich die Schwierigkeiten und Chancen der zweiten oder dritten Generation mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Die Gefahr, dass hier Geschichten entstehen, die politisch korrekt sind und trotzdem niemandem weh tun, ist allerdings nicht von der Hand zu weisen. Sie droht auch Filmen wie „Comedian Harmonists“ (J. Vilsmaier, D 1997) oder „Gloomy Sunday“ (R. Schübel, D/HU 1999). Praktisch alle genannten Filme nehmen die Perspektive der Opfer ein.

Filme aus der Sicht der Täter hatten es dagegen zunächst schwer, die Gunst von Produzenten und Publikum zu gewinnen. Roland S. Richters Film „Nichts als die Wahrheit“ (D 1998) mit Götz George in der Rolle des KZ-Arztes Mengele war zeitweise vom finanziellen Ruin bedroht und konnte schliesslich nur durch den Verzicht aller Beteiligten auf ihre Gagen verwirklicht werden, und für Romuald Kamarkars „Das Himmler-Projekt“ (D 2000) fand sich lange kein Verleih. Beiden Versuchen, aus der ´Innenperspektive´ zu verstehen, was geschehen ist, wurde vorschnell der Vorwurf gemacht, Nazischlächtern ein Podium für ihre wirren Ideologien zu bieten. Volker Schlöndorffs neuster Film „Der neunte Tag“ (D 2004) scheint über solche Vorwürfe dagegen erhaben zu sein: Zwar stellt auch er einem SS-Schergen ausführlichen Raum für seine demagogischen Reden zur Verfügung, die Option des Regisseurs gilt jedoch unzweifelhaft dem Luxemburger Abbé Henri Kremer, der schliesslich in den bedrückend ins Bild gesetzten Dachauer ´Pfarrerblock´ zurückkehrt ohne der Versuchung eigener Freiheit auf Kosten seiner Kameraden zu erliegen. „Der Untergang“ (O. Hirschbiegel, D 2004) mit seiner Schilderung der letzten Tage im Führerbunker und „Napola“ (D. Gansel, D 2004), der den Werdegang eines Arbeiterjungen im SS-Eliteinternat begleitet, stehen da schon eher in der Kritik, den Zuschauern die Perspektive der Täter allzu kritiklos nahe bringen zu wollen.

Chancen der Komödie

Am meisten erstaunt jedoch, dass neuerdings mit grossem zeitlichen Abstand zu „The Great Dictator“ und Ernst Lubitschs „To be or not to be“ (USA 1942) dem Genre der Komödie die Kraft zugetraut wird, das Grauen des Nationalsozialismus gleichzeitig zu zeigen und zu dekonstruieren. Roberto Benignis Oskar-Erfolg „La vita è bella“ (I 1997) und Radu Milhaileanus „Train de vie“ (F/B/NL 1998), die Geschichte eines ganzen jüdischen Stetls, das unter der Tarnung eines Deportationszuges der Vernichtung entkommen will, sind vielleicht die bekannteren Beispiele. Aber auch die beiden Verfilmungen von Jurek Beckers „Jakob der Lügner“ (F. Beyer, DDR 1975; P. Kassowitz, USA 1998) und Didi Dankwarts „Viehjud Levi“ (D/CH 1998) gehen diesen viel versprechenden Weg. Vielleicht besitzt gerade die Komödie durch ihre ausdrückliche Fiktionalität die einmalige Eigenschaft, dem so grausamen wie immer noch wirksamen Totalerklärungsanspruch der nationalsozialistischen Weltsicht eine tragfähige Alternative entgegenzusetzen ohne die historische Übermacht der Nazis zu verschweigen.

Joachim Valentin, Freiburg i.Br.
joachim.valentin@theol.uni-freiburg.de

Der Autor Joachim Valentin (PD Dr. theol.) lehrt als Oberassistent Religionsgeschichte und Fundamentaltheologie an den Universitäten Freiburg i. Br. und Mannheim. Zur Zeit koordiniert er die internationale Forschungsgruppe „Film und Theologie“.

Im Rahmen des Programmschwerpunkts zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz werden auf ARTE die vierteilige Fernsehserie „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“ und drei jüngere Dokumentarfilme zur Shoah ausgestrahlt: „KZ Falkenau – Eine Lektion über Menschenwürde mit Samuel Fuller“ (E. Weiss, F 1988/2004); „Wir müssen das erzählen“ (D. u. P. Cling, F 2004) und „Im Winter werden die Tage länger“ (F. Chaiyé, F 2004).

Programmschwerpunkt zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz: https://www.medientipp.ch/index.php?na=1,2&meid=36860

Weitere Dokumentationen jüngeren Datums:
„Herr Zwilling und Frau Zuckermann“ (V. Koepp, D 1999); „The Last Days“ (USA, Spielbergs Shoah Foundation, 1998); „Sobibor, 14.10.1943“ (C. Lanzmann 2002)

Links:
Lernen aus der Geschichte – Nationalsozialismus und Holocaust in Schule und Jugendarbeit
http://www.holocaust-education.de
Überlebende der Shoah erzählen – Steven Spielbergs Visual History Foundation
http://www.vhf.org

Filme zur Shoah im Medienladen
https://www.medientipp.ch/index.php?na=4,1&meid=36867