„Die Fernseh-Arbeit hat meine Spiritualität vertieft“
Die Dominikanerin Ingrid Grave ist als „Fernseh-Nonne“ bekannt. Seit sechs Jahren moderiert sie die „Sternstunden“ auf Schweizer Fernsehen DRS. Ab Juli gehört sie zum Team der „Wort zum Sonntag“-Sprecher/-innen. Ein Interview mit der engagierten Ordensfrau.
Schwester Ingrid Grave, nach sechs Jahren als „Sternstunden“-Moderatorin werden Sie nun „Wort zum Sonntag“-Sprecherin. Was reizt Sie an der neuen Aufgabe?
Ich möchte die Erfahrungen, die ich bei den „Sternstunden“ gesammelt habe, weiter nutzen. Zudem habe ich als „Wort zum Sonntag“-Sprecherin mehr Zeit und Freiheit, etwas zu sagen, als bei meiner Tätigkeit als Moderatorin.
Was haben Sie als „Sternstunden“-Moderatorin für Erfahrungen gemacht?
Insgesamt habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die ich sonst nie getroffen hätte, habe einen grossen Teil meiner Angst vor den Medien verloren und musste mich mit Themen auseinandersetzen, mit denen ich mich sonst nicht befasst hätte. Die Arbeit bei den „Sternstunden“ hat meinen Horizont enorm erweitert.
Hatten Sie nie das Gefühl, dass Ihre Erscheinung als Klosterfrau benutzt wurde, um den „Sternstunden einen „spirituellen Touch“ zu geben?
Das war zu Beginn meine grosse Sorge. Als das Fernsehen auf mich zukam, habe ich gefragt: „Warum wollen Sie unbedingt eine Ordensfrau im Ordenskleid, soll das ein Gag sein, brauchen Sie mich als Blickfang?“ Man glaubte beim Fernsehen, dass ein Ordensgewand immer noch ein starkes Zeichen für etwas Ungreifbares ist, das äussere Erscheinungsbild einer Klosterfrau weist auf etwas Anderes, Grösseres hin. Die Sendung sollte so auf den ersten Blick erkannt werden als ein Programm, das über die Dinge, die wir im Alltag um uns haben, hinausgeht.
Es war nie die Absicht der Redaktion, mich zu benutzen. Aber ich hätte es natürlich nicht ganz verhindern können. Ich wusste aber, dass ich bei den „Sternstunden“ die Möglichkeit haben würde, Werte zu vermitteln, und dass sich mein Engagement schon alleine deshalb lohnen würde. Ich habe mir vorgenommen, mich für nichts einspannen zu lassen, hinter dem ich nicht stehen kann.
Beim „Wort zum Sonntag“ können Sie sich mehr einbringen als bei den „Sternstunden“. Was wird Ihr Anliegen sein?
Ich werde von denjenigen Dingen sprechen, die mir in meinem Leben wichtig geworden sind. Dazu gehört immer wieder von neuem die Bibel. Vor allem bewegt mich die Frage, wie ich ihre Botschaft im Alltag umsetzen kann, deshalb werde ich oft eigene Erfahrungen einbringen. Natürlich möchte ich auch aktuelle Themen aufgreifen.
Glauben Sie, dass über das Fernsehen die christliche Botschaft verkündet werden kann?
Ich glaube, dass es viele Menschen gibt, die den Weg in die Kirche nicht mehr finden, aber trotzdem für christliche und spirituelle Themen empfänglich sind. In vielen nichtkirchlichen Gruppen, bei denen ich als „Sternstunden“-Moderatorin eingeladen war, habe ich gesehen, dass intensiv über Spiritualität nachgedacht wird. Einmal hat eine Frau zu mir gesagt, sie sei aus der Kirche ausgetreten, aber was ich über Spiritualität sage, gelte für sie immer noch. Deshalb halte ich es durchaus für möglich, dass auch Menschen, die der Kirche fern stehen, das „Wort zum Sonntag“ anschauen, weil sie sich erhoffen, einige Gedanken für ihren Alltag mitzunehmen. – Ich muss mich entscheiden: Entweder tue ich, was möglich ist, oder ich lasse es ganz bleiben. Ich tue lieber, was möglich ist, und werde „Wort zum Sonntag“-Sprecherin. Wo der Samen, den ich hinstreue, aufgeht, weiss ich nicht, aber vielleicht geht mal etwas auf dabei. Für mich persönlich ist es wichtig, dass ich getan habe, was im Rahmen meiner Möglichkeiten liegt.
Würden Sie denn mit Ihrer Arbeit die Menschen gerne zur Kirche zurückführen?
Ich habe nicht die Illusion, dass die Leute wieder in die Kirche gehen, weil sie mich beim „Wort zum Sonntag“ sprechen gehört haben. Aber geht es denn darum, dass unsere Kirchen wieder knallvoll werden? Wollen wir nicht einfach die christliche Botschaft, die ich nach wie vor für höchst aktuell halte, unter die Menschen bringen? Woher die Leute die Botschaft dann haben, ob aus der Kirche oder vom „Wort zum Sonntag“, spielt für mich keine Rolle.
Sie haben Zugang zu den beiden Welten Kirche und Medien. Wie soll sich die Kirche Ihrer Meinung nach den Medien gegenüber verhalten?
Ich finde, dass die Kirche ihre Berührungsängste vor den Medien abbauen sollte. Viele kirchlich engagierte Leute haben Angst vor den Medien. Ich selbst habe mich auch vor ihnen gefürchtet und mich geärgert, wenn im Fernsehen schon wieder ein Film gezeigt wurde, in dem Nonnen furchtbar dumm hingestellt werden. Die Kirche muss sich den Medien stellen, denn sie gehören zum Alltag. Jesus ist schliesslich auch auf die Strasse gegangen und hat nicht gesagt: „Wenn ihr was von mir wollt, könnt ihr zu mir kommen“. Er hat die Mittel seiner Zeit benutzt. Unser Ordensbegründer Dominikus hat das auch getan, er würde heute bestimmt ins Fernsehen gehen.
Hat sich Ihre eigene Spiritualität durch Ihr Engagement in den Medien verändert?
Ja, sie hat sich vertieft. Ich habe gemerkt, dass es sehr gesund ist, aus seinem eigenen Milieu auszusteigen. Von meinen Mitschwestern weiss ich ungefähr, wie sie denken und glauben, wir sprechen oft über das Gleiche und setzen vieles stillschweigend voraus. Als ich die Klosterwelt ein Stück weit verliess, wurden mir plötzlich Fragen zu Kirche und Religion gestellt, mit denen ich nicht gerechnet hatte. Jemand fragte mich: „Wozu überhaupt Kirche? Ist es verantwortbar dabeizubleiben?“ Ich spürte, dass ich für mich neu nach Antworten zu suchen hatte, an die ich vor allem auch selber glauben konnte. Das war sehr bereichernd.
Das Interview führten Annette Lingg und Sabine Schüpbach
