Das Kreuz auf dem Fell des Leoparden
Am 52. Internationalen Filmfestival Locarno vom 4. bis 14. August waren die Kirchen mit der Ökumenischen Jury bereits zum 27. Mal präsent. Durch sorgfältiges Hinschauen lassen sich in Filmen immer wieder neue Gesichter Gottes entdecken. Beispielsweise im Beitrag „La vie ne me fait pas peur“ der Französin Noémie Lvovsky, der mit dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnet wurde. Ein Rückblick auf das Festival.
Im Hof des Festivalzentrums fand in diesem Jahr der ökumenische Gottesdienst statt. Die religiöse Feier, die jeweils am ersten Sonntag des Festivals durchgeführt wird und an der wie in den letzten Jahren Bundesrätin Ruth Dreyfuss, in diesem Jahr als Bundespräsidentin, teilnahm, wurde vom Fernsehen der italienischen Schweiz live übertragen. Bei der Übertragung wurde eine Grafik mit einem Kreuz auf dem Fell des Leoparden, dem offiziellen Emblem des Festivals, eingeblendet. Ist diese Collage Zeichen für eine distanzlose Verschmelzung zwischen Kirchen und Filmfestival? Oder steht sie für einen kritische Dialog zwischen der Theologie und der siebten Kunst, in dem beide Partner voneinander lernen können?
Die Beziehung zwischen Kirche und Film feiert keine Triumphe. Nur für kurze Zeit und für das Festival zu einer schlaftrunkenen Randstunde am Sonntagmorgen können die Kirchen einen so prominenten Platz an der bedeutendsten Filmveranstaltung der Schweiz behaupten. Ein anderes Zeichen der Ernüchterung stellt die Aufgabe der Filmzeitschrift ZOOM dar, welche die Schweizer Kirchen unter verschiedenen Gestalten seit über 50 Jahren herausgegeben haben. Auf die diesjährige Ausgabe des Festivals erschien ZOOM unter dem neuen Titel „Film“ als gesamtschweizerische Filmzeitschrift in einer deutsch- und französischsprachigen Ausgabe. Getragen wird die neue Publikation von einer neuen Trägerschaft, in der die Kirchen als Partner der filmkulturellen Organisationen der Schweiz nur noch eine minoritäre Rolle spielen.
Dialog mit der Filmkultur vom Rande her führen
Den Dialog mit der Filmkultur von einer randständigen Position aus zu führen, bietet den Kirchen auch Chancen. Für Pfarrer und kirchliche Mitarbeiter organisierte die Fachstelle „Weiterbildung“ der Reformierten Berner Kirchen zusammen mit dem Evangelische Mediendienst einen viertägigen Kurs, in dem die Teilnehmer die Festivalfilme besuchten und sie miteinander sowie mit Filmkritikern und Regisseuren besprachen. Und für die Arbeit der internationalen ökumenischen Jury mag ein Gedanke der Pastorin Dorothea Wiehmann Giezendanner als Leitmotiv dienen, den diese den Besuchern des Gottesdienstes mit auf den Weg gab: Gott hat viele Gesichter. Sie gilt es in den Filmen als Träume und Visionen des unsichtbaren Gottes zu entdecken und wahrzunehmen. Es gibt dabei kein Ein-für-alle-Mal, keine durch die Zeiten hindurch gültige Eindeutigkeit, sondern immer wieder Überraschendes, immer wieder Neues. Diese Option hat nichts zu tun mit Beliebigkeit. Im Gegenteil, ihr geht es um Genauigkeit in der Art des Schauens. Filme können so zur Sehschulung werden, indem sie uns anhalten, genau hinzuschauen: vorsichtig, behutsam, liebevoll, zärtlich.
Einem Film, dem diese Genauigkeit im Sehen mit Verve gelingt, zeichnete die ökumenischen Jury mit ihrem Preis aus: La vie ne me fait pas peur der Französin Noémie Lvovsky. Jenseits der Klischees von der Jugend als entweder durch den Konsum verführten oder dann rebellischen Generation versucht die etwa 35jährige Regisseurin sich an das verletzliche Lebensgefühl ihrer eigenen Adoleszenz zu erinnern und entwirft zusammen mit jungen (Laien-) Schauspielerinnen eine einfühlsame und zugleich lebendige Vision dieser schwierigen Lebensphase. Mit Versatzstücken und Genres der Jugendkulturen geschickt spielend, zeichnet Lvovsky mit rasanter Leichtigkeit die rabiate Suche von vier heranwachsenden Mädchen nach ihrem Ort in dieser Welt. Hin und her gerissen zwischen Lachen und Weinen, Zugehörigkeit und Einsamkeit gibt ihnen ihre Freundschaft Halt.
Visionen menschlicher Gemeinschaft
In The Dream Catcher erzählt der Amerikaner Ed Radtke die Suche zweier jugendlicher Helden nach ihren Eltern. Die Reise zurück zu den eigenen Wurzeln endet für beide allerdings ernüchternd: Der verschlossene Ältere begegnet seinem Vater als einem Fremden. Der Jüngere mit seiner kindlichen Offenheit gibt sich der Illusion hin, dass seine Mutter auf den ausgebrochenen Heimzögling warten würde, und verliert sich an die Möglichkeiten, die ihm das Leben bietet. In Anlehnung an Motive von Wim Wenders Paris, Texas zeigt diese Erzählung einer schmerzhaften Initiation: Der ältere Held kann schliesslich dennoch Verantwortung für sein Leben und seine eigene Vaterrolle übernehmen. Das junge Team um den Regisseur Ed Radtke erzählt die Parabel des Erwachsenenwerdens in der Tradition des amerikanischen Roadmovies. Die genauen sozialen Beobachtungen brechen allerdings dessen harmonisierenden Konventionen auf. Die Reise führt durch ein ländliches, provinzielles Amerika, das mit grossen naiven Augen in diesem Film wie neu gesehen wird.
Die heilende Wirkung der Gemeinschaft beschwört auch der russische Film Barak von Valerij Ogorodnikov. In der titelgebenden Baracke finden sich zu Beginn der fünfziger Jahre kurz nach Stalins Tod Menschen unterschiedlichster Herkunft zusammen. Sie sind Überlebende des Krieges gegen Hitler sowie des stalinistischen Terrors und teilen nun Leben, Hass und Liebe in dieser Zwangsgenossenschaft. Jenseits der fatalen Alternative, bei der sich das aktuelle postsowjetische Russland zwischen dem westlichen und dem slawophilen Weg zu entscheiden hat, besinnt sich Ogorodnikov auf ein prekäre Periode der Zeitgeschichte. Ohne die Geschichte zu idealisieren, zeichnet er ein düsteres Bild des Alltags mit niederträchtigen Händeln und gar einem Totschlag. Wie in einer mehrstimmigen Fuge sind die Geschichten der Figuren und ihre reichhaltigen Gefühle so miteinander verknüpft, dass gegenseitiges Verständnis wachsen und die Kraft der Liebe die unerträglichen Zustände überwinden kann. Die dünnwändige Baracke wird zu einer Vision für eine multikulturelle russische Gesellschaft. Ogorodnikov gestaltet diese Vision zu einem stimmigen Symbol, indem er die Mittel des künstlerischen Ausdrucks wie das Licht, die Farben sowie die Musik zu einer symphonischen Einheit verdichtet.
Eindringlich und mit fast kaltherziger Zärtlichkeit zeichnet Laurent Bouhnik in Madeleine (Frankreich 1999) das Porträt einer einsamen Näherin in einer namenlosen französischen Kleinstadt. Pendelnd zwischen ihrer sterilen Neubauwohnung und der Schneiderei zieht sich ihr Alltag lieb- und leblos dahin. Mit der Schliessung des unrentablen Ladens scheint sie sich ebenso zu arrangieren wie mit ihren Enttäuschungen über die von Partnerschaftsbüros vermittelten Bekannschaften. Mit seiner Momentaufnahme verzichtet Bouhnik auf eine eindeutige Wertung seiner Hauptfigur, deren unsichere und konfuse Befindlichkeit er weder als Verfalls- noch als Aufbruchsgeschichte deutet. Scheinbar Opfer einer nicht verstandenen Welt rückt die Kamera sie immer wieder aus dem Zentrum der Bildkompositionen und zeigt streng und unvermittelt Grossaufnahmen von Teilen ihres Körpers mit Gegenständen oder leeren Flächen. Mit diesen ästhetischen Strategien der Dezentrierung und Depersonalisierung vermag der Film den Verlust der Souveränität als etwas zwiespältig Modernes vorzustellen: Er ist Ausdruck der Entfremdung und gleichzeitig Bedingung für eine Präsenz, in der Madeleine Möglichkeiten geglückten Lebens für kurze Augenblicke zu fassen vermag. Für die Darstellung der Madeleine mit ihrer verhaltenen Vitaltität ist Véra Briole mit dem bronzenen Leparden der offiziellen Jury ausgezeichnet worden.
Matthias Loretan
Mitglied der diesjährigen Ökumenischen Jury und Leiter des Katholischen Mediendienstes
Preise der ökumenischen Jury am 52. Filmfestival von Locarno
Die internationale ökumenische Jury setzte sich zusammen aus folgenden Mitgliedern: Alexander Dorochewisch aus Moskau, Franca di Lecce aus Rom, Matthias Loretan aus Zürich, Gaye W. Ortiz aus Ripon (England), Arnis Redovics aus Riga (Lettland) und Rita Weinert aus Hamburg (Präsidentin).
Der Preis der ökumenischen Jury geht an La vie ne me fait pas peur von Noémie Lvovsky (Frankreich, 1999). Einfühlsam zeichnet der Film die Suche von vier heranwachsenden Mädchen nach ihrem Ort in dieser Welt. Hin und her gerissen zwischen Freude und Leid, Zugehörigkeit und Einsamkeit gibt ihnen ihre Freundschaft Halt. Sich an ihre eigene Jugend erinnernd, entwirft die Filmemacherin gemeinsam mit den jungen Schauspielerinnen eine lebendige Vision dieser schwierigen Zeit des Heranwachsens.
Eine spezielle Erwähnung geht an Barak, den Film von Valerij Ogorodnikov (Russland, 1999). Alle Mittel des künstlerischen Ausdrucks zu einer symphonischen Einheit verdichend, lässt der Regisseur das Publikum erkennen, wie die menschlichen Werte der Gemeinschaft Hass und Leiden überwinden können. Indem der Film zeigt, wie Entfremdung dem gegenseitigen Verständnis weicht, wird das authentische Gemälde einer bestimmten Periode der Zeitgeschichte zu einem Symbol der Liebe, die unerträgliche Zustände verwandeln kann.
