Das 54. Filmfestival Locarno in Frauenhand
Mit einer ungezwungenen Leichtigkeit stellte die neue Festivaldirektorin Irene Bignardi das Programm des diesjährigen Filmfestivals von Locarno (2. bis 12. August) vor. Gemeinsam mit der Vizedirektorin Teresa Cavina hat sie für die Piazza ein vielversprechendes, gehobenes Publikumsprogramm entworfen. Auch die Jury der Kirchen ist dieses Jahr in Frauenhand. Mit Corine Eugène dit Rochesson (Präsidentin), Dina Iordanova, Marina Sanna und Ninfa Watt sind gleich vier Frauen in der internationalen ökumenischen Jury präsent. In der kirchlichen Juryarbeit verstehen sich die Landeskirchen als Partner des Dialogs. Aus den Filmen, die am Filmfestival von Locarno gezeigt werden, lassen sich wichtige Befindlichkeiten und gesellschaftliche Zustände erkennen. In der Auseinandersetzung mit diesen Themen können die Kirchen lernen und sich auf die Welt, wie sie von Cineasten und Cineastinnen dargestellt wird, einlassen. Irene Bignardi nennt als „roten Faden“ quer durch die Sektionen des Festivals (Internationaler Wettbewerb, Cinéastes du présent, Appellations Suisses u.a.) die Befindlichkeit des „Irgendwoanders- Seins“. Entfremdung, Deplatziertheit und Entwurzelung spielen eine grosse Rolle. „Menschen werden gezwungen, sich an anderen Orten aufzuhalten als an denjenigen, wo sie wollen und könnten: Afrikaner in Europa, Asiaten in den USA, Europäer in Afrika oder den Vereinigten Staaten. Sie erleben in der Fremde Demütigungen, Unannehmlichkeiten und Entbehrungen, aber manchmal auch Neuentdekkungen. Die Suche nach der Zugehörigkeit in der Welt ist nicht einfach.“ Diese Wahrnehmung der Gesellschaft in ständiger Migration und Verschiebung wird für die ökumenische Jury eine besondere Herausforderung sein.
Eng verbunden mit dieser Thematik der Entfremdung ist die Feststellung des historischen Datums. Die Wirren des letzten Jahrhunderts – Kriege und Gewalteskalationen – ziehen sich als roter Faden durch viele Filme. Diese historische Sicht der Dinge ist ein Charakteristikum des Filmes als „memoria“. Dieser Aspekt ist gerade für das theologische Nachdenken über die Gesellschaft von grosser Bedeutung, verstehen sich doch die christlichen Glaubensgemeinschaften in der „memoria passionis et resurrectionis“ als eigentliche Erinnerungsgemeinschaften. Diese Formen des kulturellen Tiefgangs und der historischen Reflexion gilt es zu unterstützen und zu stärken.
Mit der Grundhaltung des Dialogs und der Lernbereitschaft einer weltoffenen Kirche beurteilt die ökumenische Jury am Filmfestival Locarno die neunzehn Beiträge des internationalen Wettbewerbs. Corine Eugène dit Rochesson unterrichtet Kunstgeschichte und ist Filmreferentin der reformierten Kirche in Frankreich. Mit ihr zusammen visionieren und diskutieren fünf Personen, die sich mit Fragen der Ethik und Ästhetik des Films auseinandersetzen. Dina Iordanova hat Philosophie und Ästhetik an der Universität von Sofia studiert. Seit 1998 unterrichtet sie in Leicester (GB) am Forschungszentrum für Massenkommunikation im Fach Medien und Film. Marina Sanna aus Rom arbeitet als Filmjournalistin und beschäftigt sich intensiv mit Internetpublikationen in der Filmkritik (http://www.cinematografo.it). Paolo Tognina aus dem Tessin und Joachim Valentin aus Freiburg im Breisgau sind die beiden Theologen der Jury. Tognina ist seit acht Jahren Pastor der reformierten Gemeinde Locarno-Muralto. Seit 2001 ist er Medienverantwortlicher der „Chiese evangeliche di linguaitaliana in Svizzera“. Joachim Valentin ist Doktor der katholischen Theologie und arbeitet als Assistent am Institut für Religionsgeschichte der Universität Freiburg i.Br. Er beteiligt sich am internationalen Forschungsprojekt „Film und Theologie“ und hat verschiedentlich zu Fragen des zeitgenössischen Films publiziert. Die Spanierin Ninfa Watt unterrichtet an der Universität von Salamanca das Fach „Radio und Fernsehen“. Sie ist Leiterin des audiovisuellen Departements der bischöflichen Medienkommission und redaktionelle Leiterin der Filmzeitschrift „Pantella 90“.
Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
