Burning Memories

Eines Tages steht Alice Schmid im Museum vor einem Bild des norwegischen Malers Edvard Munch. Auf diesem ist ein nacktes Mädchen zu sehen. Es sitzt auf einem Bett, hinter im lauert ein dunkler Schatten. Zuerst geht die Luzerner Filmemacherin («Die Kinder vom Napf») weiter, kann sich dann aber auf kein anderes Gemälde mehr konzentrieren. Sie geht zurück und schaut dem Mädchen auf dem Bild in die Augen. Dann wird ihr klar: Sie sieht sich selbst. Das Bild erinnert Alice Schmid an den sexuellen Missbrauch, den sie mit sechzehn Jahren erlebt hat. Die Erinnerung überfällt sie aus dem Nichts. Nach dem ersten Schock versucht sie das Geschehene aufzuarbeiten und versteht, warum sie über dreissig Jahre lang Filme fast ausschliesslich aus der Perspektive von Kindern gemacht hat.

Alice Schmid ist mit der Suche nach Antworten auf ihre eigene Geschichte ein besonderer Film gelungen. Der Film klagt nicht an, sondern zeichnet den persönlichen Weg einer inneren Auseinandersetzung mit dem Erlebten nach und kann damit anderen Betroffenen helfen. Der Film beschönigt nichts. Er zeigt, dass die Aufarbeitung anstrengend ist und leidvoll, weil dabei viele schmerzhaften Erinnerungen und Zweifel an die Oberfläche drängen. Gerade diese Ehrlichkeit im Umgang mit dem erlittenen Trauma verleiht «Burning Memories» eine Dringlichkeit, die über ein blosses filmisches Zeitdokument hinausgeht und zum Reden, statt zum Schweigen ermutigt.

Sarah Stutte, Filmjournalistin

«Burning Memories», Schweiz 2021, Regie: Alice Schmid, Verleih: Outside The Box, http://www.outside-thebox.ch

Kinostart: 28. Oktober 2021