„Bloss kein Pfarrton!“
Im Dezember vorletzten Jahres gab Marianne Vogel Kopp ihren Einstand als evangelisch-reformierte Radiopredigerin. Seither war sie – neben ihren siebzehn Kolleginnen und Kollegen – sechs Mal am Sonntag morgen auf Radio DRS2 zu hören. Was für ein Gesicht gehört zur Stimme? Ein Porträt.
Die Lust an theologischen Inhalten und die Freude an der Sprache, die in ihren Radiopredigten spürbar werden, kommen einem sofort entgegen, wenn man Marianne Vogel gegenübersitzt. Wache, präsente Augen und ein Lachen, das zuweilen frech, nicht aber respektlos ist. Die 39-jährige Theologin lebt mit ihrem Mann und ihrem dreijährigen Sohn im Berner Oberland. Sie arbeitet freiberuflich an verschiedenen Projekten: Etwa in einem Frauenensemble mit Liedern von Hildegard von Bingen, als Leiterin von Bibliodrama- und anderen Kursen und im feministisch-theologischen Frauenkreis Spiez, den sie vor sechs Jahren selbst gegründet hat. Was reizt eine so engagierte Theologin an der Radiopredigt?
„Ich glaube, dass das Radio als Medium meinem theologischen Stil entgegenkommt“, so die Antwort. Über das Radio hoffe ich diejenigen zu erreichen, die ich ansprechen möchte: die Menschen, die eher an den Rändern der Kirche stehen und nicht mehr in die Gottesdienste kommen“.
Obwohl Marianne Vogel weiss, dass es Hörer und Hörerinnen gibt, die mit der Radiopredigt bewusst ihren persönlichen Gottesdienst feiern, wendet sie sich eher an diejenigen, die bei eingeschaltetem Radio etwa eine Hausarbeit verrichten oder in der Badwanne liegen. Würde es ihr gelingen, so fragte sich die Theologin, dass diese Menschen – die wahrscheinlich nicht wegen der Predigt zugeschaltet hatten – nicht ausschalten oder den Sender wechseln? Eine Antwort weiss sie darauf auch heute nicht. Denn mit zwei bis drei Rückmeldungen pro Sendung fallen die Reaktionen mager aus. Aber sie weiss genau, was sie mit ihren Radiopredigten erreichen möchte. Es ist ein Anspruch, der bei all ihren Tätigkeiten derselbe bleibt. „Ich möchte, dass die Leute aufhorchen, innehalten und zu sich selber kommen. Dass sich etwas Festgefahrenes wandeln kann, – ob nun jemand in seiner Trauer gefangen ist oder in seiner Hektik nicht dazukommt, etwas Wesentliches zu sehen. Ich wünsche mir, einen Anstoss geben zu können, der weiterwirkt.“
Lebensspuren
Marianne Vogel unterrichtete als junge Lehrerin im Aargau bevor ihr die Idee kam, Theologie – „eine alte Leidenschaft“ – zu studieren. Einmal begonnen, fühlte sie: „Das ist meine Spur“. Ein Ausdruck, den sie häufig benutzt. „Es gibt immer wieder neue Spuren in meinem Leben, dann muss ich mich darauf einlassen und herausfinden, ob es die meinen sind oder nicht“. Nach abgeschlossenem Studium wurde klar, dass ein Pfarramt nicht in Frage kam. „Ich will alles so echt machen, wie ich es gar nicht kann“. Krankenbegleitung, Seelsorge, allsonntägliche Predigten, Beerdigungen – Marianne Vogel wusste, dass dies mit ihrem Anspruch und ohne einen Partner, der sie rechtzeitig bremsen könnte, nicht funktionieren würde. Sie arbeitete als Assistentin für Praktische Theologie und zog schliesslich, anstatt eine Dissertation zu schreiben, ins Berner Oberland um zu heiraten – eine neue Spur. Seither ist sie – abgesehen von einigen zeitlich begrenzten festen Anstellungen (in den letzten zwei Jahren eine teilzeitlichen Pfarrstelle) – freiberuflich tätig. Das entspricht ihrer freiheitsliebenden Art. Am liebsten arbeitet sie an Projekten, in denen sie sich für eine begrenzte Zeit „überdimensioniert“ engagieren kann. „Dabei erlebe ich, dass aus dem einen Engagement Kraft für alle Bereiche meines Lebens erwächst.“
Ein solches Arbeiten ist Marianne Vogel nicht zuletzt deshalb möglich, weil ihr Mann, der als Arzt arbeitet, ihr materiell den Rücken deckt. Für diese privilegierte Situation ist sie dankbar, andererseits macht es sie zuweilen wütend, dass für viele andere Menschen ein solches Engagement – das in den meisten Fällen beinahe Gratisarbeit bedeutet – gar nicht in Frage käme. „Wenn ich alleinerziehende Mutter wäre, könnte ich subito einpacken“.
Nicht in altherkömmlichem Stil
Eine der kontinuierlichen Spuren in Marianne Vogels Leben ist das Christentum. Diese sei, so sagt sie selbst, ohne die grossen Brüche, wie sie oft in Biographien in Bezug auf die Religion vorkommen, verlaufen. Auch bei ihrer Hinwendung zur feministischen Theologie habe sie nie etwas zurücklassen müssen. Der Weg sei weitergelaufen und dabei immer grösser, offener geworden. Zu ihrer Verbundenheit mit der christlichen Tradition gehört, dass Marianne Vogel in ihren Radiopredigten immer von einem biblischen Text – und nicht beispielsweise von einem Gedicht oder einem persönlichen Erlebnis – ausgeht. Denn dieser Text hat, so ist sie überzeugt, seine eigene Weisheit. Sie möchte etwas herauskristallisieren, das den Zeitsprung aus der biblischen Zeit zur unsrigen schafft, etwas, das heute noch Kraft gibt. Dabei will sie vor allem eines nicht sein: pastoral. Deshalb habe sie in ihren bisherigen Radiopredigten noch nie die Anrede „liebe Hörerinnen, liebe Hörer“ gebraucht, erklärt sie und führt verschmitzt eines der schönsten Komplimente an, das ihr kürzlich gemacht wurde: „Deine Radiopredigt klingt gar nicht wie ein Radiopredigt.“
Radiopredigt als Gespräch
Und was denkt die Radiopredigerin von der heutigen Form der Radiopredigt? Sie wäre auch offen für andere Formen, meint sie und macht gleich selbst einen Vorschlag: Schön wäre Radiopredigt als ein vorbereitetes, qualifiziertes Gespräch, bei dem man Gedanken hören kann, die gerade gedacht werden. „Dies wäre eine Alternative zur jetzigen Form der Radiopredigt, die als ´abgelesene Schreibe´ ein etwas seltsames Gebilde darstellt.“
Froh ist sie, dass durch die unterschiedlichen theologischen Ansätze und Vermittlungsformen der je neun reformierten und katholischen Radiopredigerinnen und -prediger eine Vielfalt entsteht. Dabei, so meint sie, werde dem Publikum allerdings ein grosses Mass an Hörbereitschaft abverlangt. „Bei mir selbst kommt es manchmal vor, dass ich beim Hören der Radiopredigt meinen Kollegen oder Kolleginnen ungehaltene Kommentare zurufe. Doch vielleicht ist gerade dies das Gute am Medium Radio. Dadurch, dass einen niemand frontal anpredigt, entsteht Raum für Phantasie, Projektionen und Auseinandersetzung.“
Eine offene Kirche
Der Wunsch, Randständige anzusprechen, Aversionen gegen einen pastoralen Ton – diese Themen hängen eng mit Marianne Vogels Vorstellungen zusammen, was Kirche sein könnte und müsste. Sie wünscht sich eine Kirche, die auf die Individualisierung in unserer Gesellschaft reagieren kann indem sie stärker zu einer „Engagement-Kirche“ wird. Die Menschen müssten über ein bestimmtes Anliegen – sei es Sozialpolitik oder Seesorge – erreicht und eingebunden werden. Kirche wäre viel stärker aufgesplittert in Kerngruppen und auch offener für verschiedenartige Begabungen. In so einer Kirche, so stellt sich Marianne Vogel vor, wäre Raum für ihre Fähigkeiten, die sie jetzt im Rahmen der Gratisarbeit ausübt. „Wenn die Kirche mir ein Amt geben würde, könnte ich beispielsweise Ritualberaterin für Lebensarbeit sein.“
Vorderhand bewegt sie sich weiterhin eher an den Rändern der Kirche. In ihren Radiopredigten versucht sie aber, etwas von der beschriebenen Offenheit zu verwirklichen. Dabei kann man Marianne Vogel noch einige Male zuhören – bis sich ihr eine neue Spur zeigt.
Sabine Schüpbach
