Bin ich ein Music Star?
Seit Mitte Dezember läuft im Schweizer Fernsehen mit grossem Erfolg die Casting-Show „MusicStar“. Dieses TV-Format kann gerade für kirchliche JugendarbeiterInnen und SeelsorgerInnen interessant sein, denn es zeigt, dass junge Erwachsene heute bei der Identitätssuche mit einer Spannung umgehen müssen: Sie sind mit omnipräsenten medialen Vorbildern konfrontiert und sollen gleichzeitig eine eigene Persönlichkeit entwickeln.
Der Musikwettbewerb „MusicStar“, bei dem junge Frauen und Männer um die Auszeichnung zur besten Interpretin oder zum besten Interpreten wetteifern (vgl. Kasten), ist zur Zeit eines der bestimmenden Medienereignisse in der Schweiz – sowie der neue Quotenschlager des Schweizer Fernsehens. Wer an den Lebenswelten junger Erwachsener interessiert ist, sollte sich um diese Unterhaltungssendung nicht gänzlich foutieren. Denn an „MusicStar“ wird ein zentrales Thema von jungen Erwachsenen sichtbar: Die Frage nach der eigenen Identität – „Wer bin ich?“ Hier bewegen sich die „MusicStar“-KandidatInnen in einem eindrücklichen Spannungsfeld.
Star-Typen …
Einerseits haben es die KandidatInnen mit starken medialen Vorbildern zu tun – mit den ´echten´ Rock- oder Popsängern, wie sie etwa in Music Clips (die zum Medienalltag von Jugendlichen gehören) gezeigt werden. Bei der Präsentation ihrer Songs müssen die KandidatInnen diesen Vorbildern möglichst gut entsprechen. Zu diesem Zweck üben sie ihre Songs während der Woche vor der Sendung mit einer professionelle Gesangstrainerin und einem Choreografen ein. Eine Stilistin sorgt für das richtige Outfit, für Kleidung, Frisur, Schminke. Resultat: Die Auftritte der KandidatInnen, mit denen sie vor der Jury, dem Saalpublikum und den Fernsehzuschauern zu bestehen haben, enthalten in Stil und Ästhetik zahlreiche Zitate auf die Perfomance ´richtiger´ Stars. Für die Zuschauer zuhause wird dieser Eindruck über Scheinwerferlicht und Kameraeinstellungen zusätzlich perfektioniert.
Je weiter die KandidatInnen in der Sendung kommen, desto mehr haben sie in verschiedene Rollen zu schlüpfen und mit den unterschiedlichen musikalischen Stilrichtungen („Pop“, „Jazz“, „Deutsch/Mundart“) auch unterschiedliche Star-Typen zu verkörpern. Dieses Spiel betreiben zumindest einige KandidatInnen mit viel Lust – und einem Können, von dem mancher Fernsehzuschauer im nach-jugendlichen Alter bestenfalls träumen kann.
… mit „Soul“ und „Persönlichkeit“
Doch die KandidatInnen sollen nicht nur eine möglichst perfekte Inszenierung darbieten. Gleichzeitig sollen sie „Eigenidentität“ an den Tag legen, wie die drei Jury-Mitglieder immer wieder fordern. Die KandidatInnen sollen „nach innen gehen“ und „mehr Soul“ in die Darbietung legen. Sie sollen die ´richtigen´ Stars nicht einfach kopieren („Das war gut, es war nicht nachgemacht“), sondern inmitten der – und gerade über – die Inszenierung ihre eigene Persönlichkeit zum Ausdruck bringen („Du bist noch nicht der wahre Martin“) – und dabei auch die Kritik der Jury zu verdauen wissen, wenn es etwa heisst: „Deine Interpretation hatte das gewisse Nichts, es fehlt an Eigentouch“. Und manchmal fallen die Forderung nach dem Star und der Persönlichkeit gar in eins: „Du gibst noch nicht alles als Person, als Music Star“.
Identitätssuche über Bilder
Sich in der Auseinandersetzung mit ausserordentlich starken medialen Vorbildern eine eigene Persönlichkeit bilden – dieser grosse Anspruch gilt nicht nur (gewissermassen verschärft) für die Kandidatinnen und Kandidaten von „MusicStar“, sondern ganz allgemein für Heranwachsende in einer Mediengesellschaft. Die medialen Vorbilder stammen aus Music Clips, Werbung, Computer Games oder Filmen und sind somit im Alltag junger Erwachsener omnipräsent. Zu ihnen gilt es sich in ein Verhältnis setzen, sei es über Imitation, Abgrenzung oder Identifikation. „MusicStar“ zeigt, dass dieses Spiel mit den von Medien präsentierten Vorbildern bei der Suche nach der eigenen Persönlichkeit eine zentrale Rolle spielt. Junge Erwachsene suchen ihre Identität heute auch stark dadurch, dass sie verschiedene Bilder von sich selbst probehalber in Szene setzen – und zwar mediengerecht, so also, wie es gemäss den Medien aussehen ´muss´.
Dass dies bei „MusicStar“ im Rahmen einer Sendung geschieht, die als knallharte ´Geldmaschine´ konzipiert ist, weist auf eine weitere – ungemütliche – Spannung, mit der junge Erwachsene bei der Identitätssuche umgehen müssen.
Sabine Schüpbach, Mitarbeiterin Grundlagen im Katholischen Mediendienst
Weitere Sendungen von „MusicStar“:Samstag 14. und 21. Februar (Finalsendung), 20.05 Uhr, SF1 (WH: Jeweils Samstagnacht)
| Music Star Die Casting-Show „MusicStar“ ist die Schweizerische Adaption eines international erfolgreichen TV-Formats. Vorlage zu „MusicStar“ ist die ORF-Sendung „Starmania“, deren Lizenzrechte SF DRS erworben hat. Insgesamt 3´000 Personen haben sich in der Schweiz für „MusicStar“ beworben. Nach mehreren Castings und Qualifikationssendungen gelangten fünf Frauen und fünf Männer in die Finalrunde. Bei ihren Auftritten in der „Maag Music Hall“ in Zürich (Moderation: Roman Kilchsberger und Nina Havel) singen die KandidatInnen Cover-Versionen nationaler und internationaler Hits, die sie nach bestimmten Regeln auswählen. Die Auftritte werden kommentiert und benotet von der Jury – dem Schweizer Rockmusiker Chris von Rohr, der deutschen Moderatorin Arabella Kiesbauer und Yves Sacci von der Plattenfirma „Universal Music“. Auch das Saalpublikum gibt Noten ab. Über das Weiterkommen der KandidatInnen entscheiden jedoch die TV-ZuschauerInnen mittels Telefon-Voting. In den insgesamt acht Finalsendungen werden jeweils zwei KandidatInnen abgewählt, eineN von ihnen dürfen die qualifizierten KandidatInnen mit dem so genannte „Friendship-Ticket“ in die Gruppe zurückholen. Dem Sieger bzw. der Siegerin von „MusicStar“ winkt ein Künstlervertrag mit „Universal Music“. |
Links:
http://www.musicstar.tv
starmania.orf.at
deutschlandsuchtdensuperstar.rtl.de
