Bare baruta (Das Pulverfass)
Der Unfall war eine Bagatelle, der Schaden ist nicht gross. Dennoch beginnt der Besitzer des angefahrenen, hübschen Kleinwagens zu toben. Der junge Unfallfahrer flüchtet in seiner Angst nach Hause. Doch der Geschädigte kennt die Adresse, kreuzt dort mit einem grimmigen Freund auf und zertrümmert in massloser Wut kostbare Einrichtungsstücke.
Masslosigkeit, kaltschnäuzig ausgespielt, gehört bei coolen Mafiosi in amerikanischen Gangsterfilmen zur Machtdemonstration. Im Film „Bure baruta“ von Goran Paskaljevic ist Masslosigkeit eher ein Ausdruck von Machtlosigkeit und tiefsitzender Verzweiflung. Sie zieht sich als Handlungsprinzip durch die verschiedenen Geschichten, die der renommierte jugoslawische Regisseur in einer einzigen Nacht in Jugoslawiens Hauptstadt Belgrad sich ereignen lässt und die er mit schwarzem Humor und lakonischem Sarkasmus aufbereitet. Der Film beruht auf einer literarischen Vorlage, dem gleichnamigen Stück des 26jährigen mazedonischen Autors Dejan Dukovski, mit dem er auch das Drehbuch geschrieben hat.
In den Schicksalen im nächtlichen Belgrad – die Episoden werden vom Conférencier eines Cabarets verbunden – entsteht das Bild eines Jugoslawien, das dem Klischeebegriff vom „Pulverfass Balkan“ plastische und detailreiche Konturen gibt. Ob es um den Fetisch Auto oder die verspätete Abfahrt eines Busses geht, ob der erzwungene Blick eines Dritten unter den Rock einer Frau bei deren Freund eine Eifersuchtsattacke auslöst oder die Trauer um ihren gefallenen Mann eine junge Frau ihres Lebens überdrüssig werden lässt – bei den Protagonisten steht bei der Lösung von Problemen Gewalt zuoberst auf der Liste. Paskaljevic richtet das Augenmerk immer wieder auf die Gründe der Gewaltbereitschaft, sei es indirekt, durch biografische und soziale Hinweise, sei es direkt, indem er seine Figuren immer drängender die Frage nach der „Schuld“ in die Nacht schreien lässt.
Sein Film scheint in der serbischen Bevölkerung einen Nerv getroffen zu haben. Zwar hat die jugoslawische Filmförderung eine Unterstützung verweigert – „Bure baruta“ konnte als internationale Koproduktion realisiert werden -, doch waren die besten Schauspielerinnen und Schauspieler des Landes bereit, notfalls auch für wenig Geld und in kleinen Rollen mitzuwirken. Und seit seiner Lancierung im Herbst 1998 hat „Bure baruta“ in Serbien eine halbe Million Zuschauerinnen und Zuschauer gefunden – 200´000 davon allein in Belgrad.
Dass „Bure baruta“ jetzt in die Schweizer Kinos kommt – in Frankreich startete er am ersten Tag der Nato-Bombardements -, ändert auch die Wahrnehmung des Films im Westen. Die Suche nach direkter Kritik am serbischen Nationalismus, den Jugoslawiens Herrscher geschürt und zwecks eigenem Machterhalt instrumentalisiert hat, bleibt in „Bure baruta“ erfolglos, obwohl Paskaljevic als heftiger Kritiker des Milosevic-Regimes gilt und heute in der Emigration in Frankreich lebt. Seine Kritik greift letztlich tiefer. Obwohl er in Interviews auch die Embargo-Politik des Westens gegenüber Serbien kritisiert, sucht er weiter zurück in der Geschichte nach Ursachen für Frustrationen, Schlendrian und Gleichgültigkeit in der serbischen Gesellschaft. Und er wird auch fündig in den Geschlechterbeziehungen, deren Machtverhältnisse er in geradezu archaischer Weise abbildet. Fertige Antworten liefert sein Film aber auch hier nicht, vielmehr liegt die Stärke von „Bure baruta“ gerade darin, dass er mit den vermeintlich hoffnungslosen Erzählungen dazu aufrütteln will, über Hintergründe nachzudenken.
Christoph Rácz (gekürzt)
Bare baruta (Das Pulverfass), Frankreich/Jugoslawien/Mazedonien/Türkei/Griechenland 1998,
Regie: Goran Paskaljevic
Film des Monats Juni 1999
