Aufbruch in Solothurn

Die 37. Solothurner Filmtage sind gestärkt aus der Standortdiskussion hervorgegangen. Noch vor einem Jahr lag die Frage eines Umzugs nach Luzern in der Luft. Geschickt hat der Direktor Ivo Kummer dieses Angebot aus der Zentralschweiz genutzt, um das finanzielle Engagement von Stadt und Kanton Solothurn anzuheben. Mit den zusätzlichen Mitteln wurde vom 15. – 20. Januar 2002 ein Monsterprogramm gezeigt, das neben der Werkschau des Schweizer Films auch eine Retrospektive von Paul Riniker, eine invitation an Québec mit 22 Filmen aller Genres und ein internationales Kurzfilmprogramm zugänglich machte.

Viele Premieren – wenig Übersicht

Mit dieser Entwicklung ergeht es Solothurn wie vielen anderen Filmfestivals. Es scheint ein Naturgesetz zu geben, das die quantitative Ausweitung des Programms, der Infrastruktur und des Publikums – mit 34´000 Eintritten ein neuer Rekord – verlangt. Diese Steigerung der Attraktivität führt aber auch zunehmend zu einer Unübersichtlichkeit des Programms. So viele Uraufführungen von abendfüllenden Filmen wie dieses Jahr hat Solothurn schon lange nicht mehr gesehen. Höhepunkte bildeten die Premieren der Dokumentarfilme „Mounted by the Gods“ von Alberto Venzago über ein Voodoo-Kloster in Benin sowie Werner Schweizers spannende Lebensgeschichte des Wallisers Franz von Werra, der im nationalsozialistischen Deutschland zum Flieger-Helden wurde. Das Langzeitdokument von Christian Frei „War Photographer“ schaut dem Reportage-Fotografen James Nachtwey bei seiner Arbeit in Kriegsgebieten über die Schulter. Frei ist ein bewegtes und bewegendes Zeitdokument gelungen, das durch den Afghanistan-Krieg erneut an Brisanz ge-wonnen hat. Bei den Spielfilmen fiel Urs Egger mit „Epsteins Nacht“ auf, der mit beeindruckenden Schauspielerleistungen von Mario Adorf, Otto Tausig und insbesondere Bruno Ganz aufwarten kann. Hier wäre die kritische Frage erlaubt, was dieser Film zur ästhetischen Debatte der Darstellbarkeit der Shoa beiträgt. „Epsteins Nacht“ kommt vor allem dort an Grenzen, wo er die KZ-Realität szenisch umsetzt.

Kleine Entdeckungen mit kirchlicher Unterstützung

Interessanterweise sind es die „kleinen Entdeckungen“, die Solothurn lebendig halten und zu nachhaltigen Erlebnissen führen. Etwa der Kurzfilm „La mort en exil – Tod im Exil“ der kurdischen Filmschaffenden Ayten Mutlu Saray, die mit diesem Kurzfilm ihre Ausbildung an der Ecole Supérieure d´Art Visuel de Genève abschliesst. Ausgehend vom Tod des Palästinensers Khaled Abuzarifeh am 3. März 1999 in Zürich, erzählt sie die Geschichte einer Ausschaffung. Sie findet dafür Bilder, die in ihrem Gleichgewicht zwischen realen Ereignissen und symbolischer Traumlandschaft beeindrucken. Der Film wurde von der römisch katholischen Körperschaft des Kantons Zürich unterstützt.

Ebenso überraschend in der stillen und stringenten Umsetzung ist das Porträt „Fait accompli“ von Beat Lenherr. Hier entschwindet ein Leben. Alfred ist todkrank, seit 10 Jahren lebt er mit dem Virus, vor 6 Jahren ist die Krankheit ausgebrochen. In der Begegnung mit dem Kunstmaler Bernd Alder entscheidet er sich, als Modell zu sitzen. Er möchte in Bildern festhalten, wie sich die Krankheit in seinen Körper einschreibt und auf seinem Gesicht Spuren hinterlässt. Der Film zeigt in flüchtigen Bildern, wie Alfred sich verändert und durch die Krankheit auch innerlich wächst, indem er sich mit seiner aktuellen Situation auseinander setzt. Der Film wurde 1996 von der Filmförderung der reformierten Landeskirchen unterstützt. Nach einem langjährigen Prozess der Auseinandersetzung mit Vergänglichkeit und Tod ist daraus eine reife und beeindruckende Videoproduktion entstanden.

Trickfilme: Licht im Dunkel

In der Trickfilmproduktion des Jahres 2001 sticht neben den Nachwuchspreisen von Suissimage für die höchst amüsanten Kurzfilme „Geranienfriede“ und „Swapped“ vor allem eine sorgfältige Produktion in Aquarell und Tusche hervor. „Luora“ des Bielers Carlo Piaget erzählt die Geschichte eines Glühfadens, der gefangen in einer Birne lebt und davon träumt zu fliehen. Die Flucht bedeutet gleichzeitig absolute Freiheit und Vergänglichkeit. In betörenden Bildern komponiert Piaget einen Tanz zur Musik des Komponisten Franz Grothe.

Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
 
 
http://www.solothurnerfilmtage.ch