Auf unbetretenen Pfaden

Den 48. Internationalen Kurzfilmtagen in Oberhausen gelang es, ein grosses Publikum zu nicht immer genussreichen filmischen Irritationen zu verführen.

Ebenso vielsagend wie vielversprechend waren bereits die Worte, mit denen Lars Henrik Gass die von ihm geleiteten Internationalen Kurzfilmtage in Oberhausen eröffnete. Getreu einem, zwar nicht mehr ganz taufrischen, Kulturverständnis der Renitenz, demontierte Gass die Illusion einer Massentauglichkeit der Kunst und strich dagegen deren Irritationsfunktion heraus: So sollten die zu zeigenden Kurzfilme durchaus „abwegig“ und das heisst auch „auf Abwege bringend“ sein – für das Publikum die Chance sich auf unbegangene und damit spannende Wege zu machen. Dass die Kurzfilmtage trotz dieser Widerständigkeit in ihrer 48. Ausführung erneut mehr Zuspruch erhielten als im Vorjahr, lässt sich dazu als erfreulichen Widerspruch lesen.

Erfrischend abwegig waren denn auch weite Teile des Festivalprogramms, wie etwa „Flakon“ der Ungarin Lili Kedves, das sarkastische Porträt einer Gemeinschaft, der Körperteile von Neugeborenen zu Ersatzteilen gereichen, oder der chinesische „Wednesday Creamy Cake“, in welchem sich eine zunächst putzige Kindheitsreminiszenz an einen Tantenbesuch als obszönes Phantasmenkonstrukt entpuppt.

Die ganz andere, ungleich realere und grausig absurde Abwegigkeit des Krieges hat Igor Voloshin in seinem Film „Suka“ dargestellt. Seine mit dem Preis der Ökumenischen Jury prämierte Dokumentation aus dem Tschetschenien-Konflikt zeigt die Soldaten im Unterstand, die sich mit Zoten und schwarzem Humor vor jenem Wahnsinn zu schützen suchen, der am Ende bei der irrtümlichen Erschiessung von Armeekameraden schonungslos und endgültig einbricht. Der Regisseur enthält sich jeglicher Manipulation der Zuschauer, unterlässt ein moralisches Beurteilen und verharrt trotzdem oder gerade deshalb nicht in unbeteiligtem Zynismus. Das ist insofern bemerkenswert, als gerade der Kurzfilm des Öfteren Gefahr zu laufen scheint, entweder ins Thesenhafte abzurutschen oder bloss selbstzweckhaften Formalismus zu betreiben.

Wie aber ästhetische Brillanz mit inhaltlicher Wucht zusammen gespannt werden können, zeigte der eine der beiden Hauptpreisträger im Internantionalen Wettbewerb: Stéphane Elmadjians „Je m´appelle .“ ist die rasante Verschränkung von vorgelesenen Lebensläufen politischer Aktivisten mit statischen Bildporträts. Die sich verstärkende asynchrone Verschiebung zwischen Wort und Bild weitet jedoch das Thema radikaler Forderung nach Freiheit und der darauf antwortenden Gewalt durch die Macht über die Grenzen der ins Wort und ins Bild gebrachten Personen aus, um eine ethische Grundhaltung zu veranschaulichen.

Ähnliches trifft auch auf den anderen Hauptpreisträger zu: „Los Zapatos de Zapata“ („Die Schuhe von Zapata“) von Luciano Larobina ist nur scheinbar eine Rekonstruktion des Lebens und Todes von Emilio Zapata, als vielmehr das liebevolle Porträt jener angeblichen Augenzeugen, denen der Mythos um den Volkshelden nicht weniger als ihre eigene Identifikation ermöglicht und für die Historie mit sinnstiftendem Fabulieren einhergeht.

Auf Abwege geriet jedoch auch derjenige, welcher sich in jene Filme zu versenken versuchte, denen der Tiefsinn gleichsam nur als Attitüde lose angeklebt worden war, und deren ästhetisches Auftrumpfen bloss kurzzeitig von inhaltlicher Leere ablenken konnte. Als Ausnahme dieser Regel und möglichen Kommentar dazu erwies sich Christoph Girardets „Scratch“, Preisträger des Deutschen Wettbewerbs. Dieser „Found Footage“-Film, der virtuos die aus verschiedenen Filmen zusammengetragenen Sequenzen eines in leerer Rille kratzenden Plattenspielers aneinanderfügt, war gleichsam als Studie über das unauffällige Vor und Nach der Musik. Die technische Brillanz und Konsequenz mit welcher hier gerade die unspektakuläre Leerstelle in Blick und Ohr geschoben wurde, desavouierte spielend die blossen Effekthaschereien anderer Teilnehmer. Auch der Preisträger des Grossen Preises der Stadt Oberhausen, der Film „Dream Work“ des Österreichers Peter Tscherkassky wäre einzig eine virtuose Fingerübung geblieben, hätte sich sein grobkörniger Schwarzweisstrip durch Nachtgedanken nicht auch als psychoanalytisches Vexierspiel über den Prozess des Filmemachens selbst entpuppt.

Leider musste sich angesichts dieses wohlverdienten Erfolgs von Filmen, die zugleich ihre eigene Machart reflektieren, ein Werk wie Tania Detkinas „Sidet´v shkafu“ („Sitzen im Schrank“) mit einer lobenden Erwähnung durch die Ökumenische Jury begnügen. Die Schilderung eines schicksalsträchtigen Familienbesuches wählte anstatt einer leicht verdaulichen Eindeutigkeit komplexe Wahrhaftigkeit, der sie sich mit einer packenden und unbedingt eigenständigen kinematographischen Sprache annäherte; Erzählkino, das in seiner formalen und inhaltlichen Eindringlichkeit Vergleiche mit dem frühen John Cassavetes aushält. So etwas musste als Anachronismus oder eher noch als unauffällige und daher unbemerkte Innovation erscheinen – ein faszinierender Abweg, der auch dem bereits abwegigen Publikum in Oberhausen zu wenig aufgefallen sein dürfte.

Johannes Binotto
 
 
Preise der Ökumenischen Jury:

Der Preis der Ökumenischen Jury, der mit 1.500 Euro dotiert ist, ging an den Film „Suka“ von Igor Voloshin, Russland 2001, 18 Min., 35 mm, Farbe.

Die Begründung der Ökumenischen Jury lautet: „In seiner Dokumentation aus dem Tschetschenienkrieg schafft der Regisseur eine Nähe zu den porträtierten Soldaten, ohne in zynischer Distanz zu verharren oder moralisch zu manipulieren. Unter hohem persönlichen Einsatz vermittelt er Einblicke in einen verselbständigten Gewaltapparat, der keine Feinde mehr benötigt, um Menschen zu Tätern und Opfern zu machen.“

Eine lobende Erwähnung der Ökumenischen Jury fanden die Filme „Sidet´v Shkafu“ („Sitzen im Schrank“) von Tania Detkina, Russland 2001, 23 Min., 35 mm, s/w, sowie „Je m´appelle“ von Stéphane Elmadjian, Frankreich 2001, 17 Min., 35 mm, Farbe.

Die Begründung der Ökumenischen Jury zum Film „Sidet´v Shkafu“ lautet: „Tania Detkinas Schilderung eines schicksalhaften Familienbesuches zeugt von wahrhaftiger Einfühlung in die Figuren und die sie bestimmenden Verhältnisse, ohne spekulative Melodramatik. Dabei findet die Regisseurin zu einer unverbrauchten Bildersprache, lebendig und präzise.“ Zum Film „Je m´apelle“ meint die Ökumenische Jury: „Durch innovative Verschränkung von Wort und Bild lädt der Film ( .) ein, Menschen mit einem Blick für ihre Geschichten zu sehen und Geschichten mit der Frage nach den Menschen darin zu hören. Er demonstriert, dass Lebensgeschichten immer auch Leidensgeschichten sind, die nicht generell durch Freiheitsversprechungen legitimiert werden können.“

Mitglieder der Ökumenischen Jury waren: Johannes Binotto (Dorf, Schweiz), Bernd Durst (Frankfurt a. M.), Michael Kranzusch (Lüneburg), Otmar Schöffler (Münster) und Eberhard Streier (Essen).