Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens
Im internationalen Wettbewerb des 65. Filmfestivals Locarno gab es auffällig viele Filme, die sich mit Sinnfragen beschäftigten. Die ökumenische Jury hat mit «Une Estonienne à Paris» einen Film ausgezeichnet, der sich mit der Sinnfrage im Alter auseinandersetzt. Aber auch andere Filme ragten in dieser Hinsicht heraus. Ein Höhepunkt des Festivals war die Präsenz des Regisseurs Krzysztof Zanussi, der als Ehrengast zum 40. Jubiläum der ökumenischen Jury nach Locarno eingeladen war. An der Präsentation des Klassikers «Iluminacja», einer Round Table auf der Piazza Grande und in einer Masterclass der «Locarno Summer Academy» legte Zanussi seine Sicht des Filmemachens dar.
[bild29013|29024|29000lw160h90c-]Jeanne Moreau spielt eine Diva in Paris, die sich durch die Anwesenheit ihrer estnischen Pflegerin belästigt fühlt. Regisseur Ilmar Raag inszeniert diese Geschichte jedoch nicht aus der Perspektive der alten Dame Frida, sondern aus der Sicht von Anne, die in Estland lebt und zu Beginn des Films ihre Mutter verliert. Nach diesem Abschied orientiert sich Anne neu und nimmt die Arbeit als Pflegerin in Paris an. Die Annäherung zwischen den beiden Frauen braucht Zeit, doch schliesslich gelingt in diesem Konflikt zwischen den Kulturen und Lebensweisen ein glückliches Ende. «Une Estonienne à Paris» hat die Ökumenische Jury unter dem Präsidium von Julia Helmke überzeugt: «Der formvollendete und exzellent gespielte Film behandelt auf berührende Weise existenzielle Themen wie Verlust, Altwerden, Liebe, Trauern, Nächstenliebe und die Begegnung mit den anderen.» Insbesondere der Fokus auf die Sinnfrage und die menschliche Begegnung gab den Ausschlag für den Entscheid.
Hartes Ringen der Jury um den richtigen Preisträger
[bild29023|29022|29001rw160h90c-]Bis zuletzt hatte die Jury gerungen, gab es doch einen zweiten starken Anwärter auf den Preis. «Der Glanz des Tages», der mit einer lobenden Erwähnung ausgezeichnet wurde, spielt auf mehreren Ebenen das Verhältnis von Fiktion und realem Leben durch. Philipp Hochmair ist ein junger, erfolgreicher Schauspieler, der auf den bedeutendsten Theaterbühnen zwischen Wien und Hamburg unterwegs ist. Während er von einer Rolle zur nächsten wechselt und dabei den Kontakt zum Alltagsleben zu verlieren scheint, begegnet ihm Walter, ein ehemaliger Zirkusartist, der sich als sein Onkel vorstellt. Der bodenständige Walter ist Gegenpart und guter Freund zugleich. Er holt den jungen Schauspieler zurück ins Leben. In dieser Männerbeziehung scheint ein Kern von Lebenssinn auf, der zutiefst berührt.
Im Angesicht des Unsagbaren
Ironisierend und verspielt nimmt der französische Altmeister Jean-Claude Brisseau, der den goldenen Leoparden gewann, ebenfalls existentielle Fragen auf. Der Regisseur spielt die Hauptrolle gleich selbst und stellt sein Appartement dafür zur Verfügung. Mit diesem lowbudget Film hat er sich von dem Gewicht einer schweren Filmproduktion befreit. Die Begegnung mit einer jungen Frau aus dem Nirgendwo führt zur Auseinandersetzung mit Fragen zwischen Traum und Wirklichkeit, Glauben und Wissenschaft, Leben und Tod. Da Brisseau diese schweren Fragen immer wieder ironisch bricht und selbst die Erscheinung von Geistern in seiner Wohnung als okkulte Gespinste entlarvt, gewinnt er gegenüber der Frage nach dem Sinn des Lebens und der Rolle von Religion angesichts des Unsagbaren eine gewisse Leichtigkeit. «La fille de nulle part» hat den Goldenen Leoparden dank dieser erzählerischen Unbeschwertheit erhalten, die von eine gestandenen Filmemacher kaum zu erwarten war.
Jenseits von Zeit und Raum
In Erinnerung bleiben aus Locarno sicherlich auch zwei Filme aus dem Wettbewerb, die sich mit dokumentarischen Mitteln den Mysterien des Lebens annähern. Der Schweizer-Kanadier Peter Mettler durfte seinen neuen Film «The End of Time» in Locarno präsentieren. Es handelt sich um einen komplexen Essay, der vom CERN in Genf bis zur Entstehung der Erde im Lavastrom reicht. Dabei geht er mit seinen assoziativ montierten Bildern und Episoden auf die Suche nach dem Ursprung und dem Wesen der Zeit. In seiner Gestaltung zielt der Film auf einen Schwebezustand, in dem sich ein zeitloses Fenster im Kino öffnet. Ebenso experimentell und neuartig ist «Leviathan», der mit einem Zitat aus Buch Hiob eröffnet und das Bild des Ungeheuers aus den Tiefen des Meeres heraufbeschwört. Es erhebt sich eine Kompilation von Bildern und Tönen zwischen Natur, Mensch und Maschine, die sich einem 90minütigen Malstrom ins Kino ergiesst und jegliche Orientierung im Raum verunmöglicht. Beide Filme sind dokumentarische Zugangsweisen mit künstlerischem Anspruch und machen Zeit und Ewigkeit, Chaos und Ordnung erlebbar.
Erfolgreiche Präsenz mit Ehrengast Zanussi
[bild28763|29025lw160h90c-]Die ökumenische Jury feierte in Locarno ihr 40jähriges Jubiläum mit einer Einladung an den polnischen Regisseur Krzysztof Zanussi, der am ökumenischen Gottesdienst sowie an einem Round Table auf der Piazza Grande teilnahm. Insbesondere die Vorführung des ersten Ökumenischen Preisträgers «Iluminacja» von 1973 und die von Zanussi gehaltene Masterclass im Rahmen der «Locarno Summer Academy» waren sehr erfolgreich. Mit dem Ehrengast und der Präsenz am Festival von Locarno wurde die Bedeutung der kirchlichen Filmarbeit am grössten Kulturanlass der Schweiz unterstrichen.
Religiöse Filme in der Retrospektive Otto Preminger
Unvergessen ist der Gerichtsfilm «Anatomy of a Murder» mit James Stewart in der Hauptrolle oder «River of No Return», der als Hommage an den 50. Todestag von Marilyn Monroe in Locarno gezeigt wurde. Der Regisseur Otto Preminger zeichnet aber nicht nur für diese Filme verantwortlich, sondern auch für zwei Klassiker des religiösen Kinos. Seine Adaptation der Jeanne d’Arc ist ein eindrucksvoller Schauspielerfilm mit Jean Seberg in der Hauptrolle. Die zeitgenössische Kritik verriss den Film «Saint Joan» von 1957. Beeindruckend bleiben jedoch die Dramaturgie von Graham Greene und das Debüt von Jean Seberg. In der Preminger Retrospektive war zudem «The Cardinal» zu sehen, der in Rom 1939 einsetzt. Stephen Fermoyle wird Kardinal und lebt in einer Welt der starren Rituale. Der Film zeigt nicht nur ein ambitiöses und engagiertes Porträt der Kirche als politischer Instanz. Es ist auch die Darstellung eines Mannes, der zwischen Krise und diplomatischem Erfolg die grundlegenden Werte des Lebens entdeckt.
Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
charles.martig@kath.ch
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Die Ökumenische Jury am 65. Filmfestival von Locarno 2012, getragen von INTERFILM und SIGNIS, verleiht ihren Preis an Une Estonienne à Paris Regie Ilmar Raag, Frankreich / Estland / Belgien 2012 Anhand der Geschichte zweier estnischer Frauen in Paris, zeigt der Regisseur die Schwierigkeiten im je eigenen Leben und in der Kommunikation zwischen zwei Personen von gleicher kultureller Herkunft, aber mit ganz unterschiedlichen Lebensumständen. Der formvollendete und exzellent gespielte Film behandelt auf berührende Weise existenzielle Themen wie Verlust, Altwerden, Liebe, Trauern, Nächstenliebe und die Begegnung mit den anderen.
Die Jury vergibt ausserdem eine lobende Erwähnung an den Film Der Glanz des Tages Regie Tizza Covi und Rainer Frimmel, Österreich 2012 Der Film erzählt die Geschichte eines älteren Mannes und früheren Zirkusartisten, der auf der Suche nach seinen Wurzeln seinem Neffen, einem aufstrebenden Theaterschauspieler, begegnet. Die dokumentarische Form erlaubt es dem Betrachter, den Alltag der beiden Protagonisten nahe mitzuerleben und zu verstehen, was der Glanz des Tages für sie ausmacht. Der Film zeigt, wie man das Leben von anderen verändern kann, indem man für den Nächsten und den Fremden bedingungslos da ist, auch wenn es riskant wird.
Mitglieder der Jury Web: http://www.kirchen.ch/filmjury |
Als Filmassistentin in Locarno (medientipp, 13.8.2012)
Blickpunkt Religion. 40 Jahre Ökumenische Jury (DRS 2, 12.8.2012)
40 Jahre Ökumenische Jury (swr.de/blog/filmspaicher, 10.8.2012)
