Atmen
Krawattenbinden hat es in sich. Roman beherrscht den zivilisatorischen Krawattenknoten nicht und doch müsste er mit Krawatte zu seinem Job als Bestattungshelfer erscheinen. Hilflos steht der einzelgängerische junge Mann vor dem Spiegel, die Krawattenenden in den Händen – als hinter ihn der Kollege tritt und Schritt für Schritt mit ihm den schwierigen Knoten übt. Vom «Krawattenbinden und dem Weg zurück in die Welt» beschreibt Cinefacts denn auch den Film «Atmen». Roman Kogler kennt ausser Kinderheim, Jugendanstalt und Gefängnis mit seinen 19 Jahren noch kaum etwas vom Leben. Wegen Todschlags sitzt er jetzt in Haft und kommt auf Bewährung frei, falls es ihm gelingt, sich in einer Arbeit draussen zu bewähren. Als er sich ausgerechnet beim Bestattungsamt Wien bewirbt, können alle nur den Kopf schütteln. Raue Sitten herrschen dort, gefragt ist Routine, keine Trauer. Dennoch lernt Roman gerade bei der Arbeit mit den Toten selber langsam freier zu atmen, zaghafte Freundschaften einzugehen und sich mit seiner Vergangenheit zu versöhnen.
Dem bekannten österreichischen Schauspieler Karl Markovics ist mit seinem Drehbuch- und Regiedebut ein unspektakulär meisterhaftes Werk von lyrischer Schönheit gelungen. Unter anderem hat «Atmen» 2011 bereits den deutschsprachigen Wettbewerb des Zurich Film Festivals und den Preis der ökumenischen Jury am CineFest (Ungarn) gewonnen und wird von Österreich für den Ausland-Oscar 2012 eingereicht.
Brigitta Rotach, Kulturjournalistin
brigitta.rotach@access.uzh.ch
«Atmen», Österreich 2011, Regie: Karl Markovics, Besetzung: Thomas Schubert, Georg Friedrich, Karin Lischka. Look Now!, http://www.looknow.ch, Filmwebsite: http://atmen-derfilm.at
Kinostart: 19. Januar 2012
