Ander
«Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei», heisst es in der Genesis. Der Bauer Ander ist auf seine Weise allein, obwohl er gemeinsam mit Schwester und Mutter auf dem Hof lebt. Doch die Schwester heiratet bald, und die Mutter wird nicht mehr lange leben. Auch sein vermeintlich bester Freund ist nur ein Saufkumpane, mit dem er sich ab und zu dieselbe Gelegenheitsprostituierte teilt. Das Leben und die Gefühle Anders kommen gehörig durcheinander, als er einen jungen peruanischen Arbeiter einstellen muss.
Mit seinen kleinen Beobachtungen in vielen wunderbaren Alltagsszenen ist „Ander“ eine echte Filmperle. Immer wieder werden wortlos am Küchentisch Beziehungskonstellationen hergestellt, hinterfragt, neu ausgefochten. Wer kocht, wer sitzt wo, wer spricht mit wem und vor allem: wer schweigt. Die Menschen rund um Ander sind nicht weniger allein als er selbst; tragisch unangenehm der vermeintliche Freund, freundlich aber nicht minder tragisch der langjährige Verehrer von Anders Mutter. Die baskischen Berge sind die saftig grüne Kulisse, vor der sich die in Konventionen versteinerten Menschen öffnen müssen. Und wenn immer wieder Wärme und Herzlichkeit aufblitzt, wirkt sie authentisch und nicht kitschig. Am Ende überrascht der Film mit einer Patchwork-Familie, der man Bestand wünscht. Ein äusserst gelungener Kontrapunkt zur schrillen, urbanen Schwulenszene, die Pedro Almodóvar in seinen Filmen inszeniert.
Christine Stark, Filmbeauftragte Reformierte Medien
christine.stark@ref.ch
«Ander», Spanien 2010, Regie: Toberto Castón, Besetzung: Josean Bengoetxea, Cristhian Esquivel, Mamen Rivera Verleih: LOOK NOW!, Internet: http://www.looknow.ch
Kinostart: 11. November 2010
