Als Filmassistentin in Locarno

Vom 4. bis 6. August begleite ich den Filmemacher Bernhard Stadelmann am Filmfestival Locarno. Für den Online-Videobeitrag auf kath.ch sammeln wir Statements zum 40-jährigen Jubiläum der ökumenischen Jury. Mein Bericht über die drei erlebnisreichen Tage.

Um 8 Uhr morgens sitze ich im Zug nach Bellinzona. Der Becher Kaffee in meiner Hand hat die gewünschte Wirkung noch nicht gezeigt, ich schaue müde aus dem Fenster. Vis-a-vis von mir sitzt Bernhard, der Filmemacher von kath.ch dessen Assistentin ich die kommenden Tage sein werde. Während die Landschaft an uns vorbeizieht, reden wir über das Filmfestival Locarno, unserer Zieldestination. Als wir am Bahnhof ankommen, steigt ein lautes, buntgemischtes Tagespublikum aus dem Zug.

«Entschuldigung, kennen Sie die ökumenische Jury?»
[bild29010lw160h90c-]Mir wird schnell klar, weshalb eine Assistentin bei einem Grossevent wie diesem hilfreich ist: Stativ, sowie Film- und Fotokamera sind nicht nur enorm schwer sondern auch ziemlich umständlich zu transportieren. Besonders schwierig ist es ein Billett im Bus zu lösen, ich remple ständig Passanten an, die kein Verständnis zeigen, mich dagegen böse ansehen.

An der Piazza Grande angelangt, bauen wir die Kamera auf, denn Bernhard möchte einige Statements zur ökumenischen Jury aufnehmen. Wir sprechen Passanten an, es stellt sich jedoch heraus, dass die ökumenische Jury wenig bekannt ist unter den Festivalbesuchern. Einige haben das Gefühl die ökumenische Jury sei ein Film, den sie noch nicht gesehen hätten und meinen, dass sie deshalb keine Aussage machen können, andere finden sich zu wenig hübsch, um vor der Kamera etwas zu sagen. Als wir auch nach eineinhalb Stunden nur gerade zwei jungen Männer den virtuellen Auftritt schmackhaft machen konnten und es nicht mehr aufhört zu regnen, geben wir enttäuscht auf.

[bild29007rw160h90c-]Am Abend fahren wir mit dem Shuttle zum «La Sala». Dort wird der Film «Illuminacja» von Krysztof Zanussi gezeigt, welcher 1973 den ersten ökumenischen Preis gewonnen hat. Vielleicht ist es die Müdigkeit, vielleicht auch das bereits gereifte Alter des Filmes, aber auf mich wirkt er an diesem Abend sehr verwirrend. In der Nacht träume ich von Embryozeichnungen, schreienden Babies und französischen Untertiteln, die ich nur zum Teil verstehe.

Fidel Castro und Roger Federer
[bild29006lw160h90c-]Am nächsten Tag machen Bernhard und ich uns nach einem reichhaltigen Frühstück auf zur Podiumsdiskussion. Der Regisseur Krysztof Zanussi, der ehemalige Festivaldirektor Moritz de Hadeln, sowie die diesjährige Präsidentin der ökumenischen Jury Julia Helmke und der Filmkritiker Michael Sennhauser diskutieren unter der Leitung des Filmbeauftragten Charles Martig. Es ist ein lebendiges Gespräch. Julia Helmke erscheint mir sehr sympathisch, mit ihren rot bemalten Lippen sticht sie deutlich aus der sonst männlichen Gruppe hervor. Neben ihr witzelt Zanussi darüber, dass Fidel Castro in Kuba keinen Gefallen am Film fand.

Anschliessend sind wir zu zwei Interviews verabredet: Zanussi scheint es zu mögen vor der Kamera zu reden, es ist jedoch so laut im Pressezelt, dass wir einen weiteren Interviewtermin mit ihm aushandeln müssen. De Hadeln dagegen tippt immer wieder auf seine Uhr, um anzudeuten, dass er unter Zeitdruck steht, ich habe aber eher das Gefühl, dass er das Bedürfnis verspürt eine Zigarette zu rauchen. Als Bernhard ihm dann das Mikrofon ans Jacket macht, scheint jegliche Eile vergessen: De Hadeln beantwortet alle Fragen ausgiebig auf Französisch, ich kontrolliere das Bild auf dem Kameradisplay, muss jedoch eingestehen, dass mein Blick sich immer wieder dem Fernseher zuwendet, wo Roger Federer gerade sang- und klanglos verliert. Ich muss grinsen, als ich bemerke, dass es nicht nur mir so ergeht.

Masterclass à la Zanussi
[bild29005rw160h90c-]Am Montag stehen Bernhard und ich früh auf um zur Masterclass von Zanussi zu fahren. Der Saal füllt sich, viele scheinen an Zanussi interessiert zu sein. Es stellt sich heraus, dass er ein äusserst guter Redner ist, der unterhält und Englisch auf einem hohen Niveau beherrscht, was es enorm erleichtert seinen Ausführungen zu folgen. Er redet und redet, ich hänge an seinen Lippen. Die Filmbeispiele, die er zeigt, bringen mich zum Lachen, die zwei Stunden gehen viel zu schnell vorbei.

Nach der Masterclass laufen Bernhard und ich über den Hof der «Magistrale». Er ist weniger begeistert, hat sich die Masterclass anders vorgestellt. Er erklärt mir, dass es die Masterclass normalerweise Studenten und Regisseuren ermöglicht ihre Erfahrungen übers Filmemachen auszutauschen. Auch Charles Martig, der erneut als Moderator auftrat, schien sich keinen Monolog Zanussis darunter vorgestellt zu haben. Sein Vorschlag die ZuhörerInnen zu Wort kommen zu lassen, fand beim Regisseur kein Gehör.

[bild29009lw160h90c-]In der Presselaunch sind wir mit Julia Helmke für ein Interview verabredet. Da es jedoch regnet, wir keinen stillen Ort finden und sie in einer halben Stunde in die nächste Pressevorführung gehen muss, verschieben wir den Termin. Sie unterhält sich mit uns noch eine Weile über den Film «Image Problem», den ich sehr amüsant finde.

[bild29008rw160h90c-]Als sie in den Kinosaal läuft, beraten Bernhard und ich uns, was weiter zu tun sei. Wir beschliessen den Tag mit dem Schweizer Film «Tutti Giú» ausklingen zu lassen. Müde sinke ich in den Sessel und denke daran, wie gerne ich noch ein bisschen länger geblieben wäre. Doch ich weiss, dass ich in einigen Stunden in den Zug steigen werde, um in Richtung wohlverdienter Ferien zu fahren.

Cora Alder, Praktikantin beim Medientipp
cora.alder@uzh.ch