54. Filmfestival Locarno

Die neue Festivaldirektorin Irene Bignardi hat eine überzeugende Filmauswahl im internationalen Wettbewerb von Locarno (2.-12- August) präsentiert. Die ökumenische Jury prämierte aus zwei Filme, die sich durch ihr sozialethisches Engagement auszeichnen: den französischen Spielfilm „L‘Afrance“ und den Dokumentarfilm „Promises“, der sich aus Kindersicht dem israelisch-palästinensischen Konflikt annähert.

Die Handschrift der neuen Direktorin hat vor allem den internationalen Wettbewerb geprägt. Mit einem anspruchsvollen Programm von Erstlingswerken und einer gelungenen Mischung aus traditioneller Kinematographie und künstlerischem Experiment blieb der Wettbewerb bis zuletzt spannungsvoll. Aus der Perspektive der kirchlichen Filmarbeit ist die starke Tendenz zu sozialethischen Themen wichtig. Viele Filme setzten sich mit Fragen der Entwurzelung, der permanenten Migration und kulturellen Verschiebung auseinander. Der iranische Film „Delbaran“ zeigt die Situation an der iranisch-afghanischen Grenze, die sich durch den Krieg in Afghanistan zu einer Zone der Migration entwickelt hat. Alain Gomis geht in „L´Afrance“ den Auswirkungen der Entwurzelung nach und zeichnet das intensive Porträt eines Migranten, der sich zwischen Paris und Dakar hin- und hergerissen fühlt. Der sympathische Wettbewerbsbeitrag „Non è giusto“ von Antonietta de Lillo setzt sich aus Kinderperspektive mit der Situation von Patchworkfamilien in Italien auseinander. Viele Filme interessieren sich für die Krise der Beziehungen; etwa Dominique Cabreras „Le lait de la tendresse humaine“. Hier steht eine Mutter im Mittelpunkt, die in einer postnatalen Depression ihre drei Kinder verlässt und damit den Vater in eine Krise stürzt. Die Zerbrechlichkeit der zwischenmenschlichen Bindungen ist im film noir „Love the Hard Way“ ebenso präsent wie in der deutschen Sozialtragödie „Ich werde dich auf Händen tragen“.

Geschichte der EntwurzelungDie internationale ökumenische Jury hat ihren Preis an Alain Gomis für „L´Afrance“ verliehen. Der Franzose mit senegalesischen Wurzeln thematisiert das Leben zwischen zwei Kulturen. Ihn interessiert die Zerrissenheit der afrikanischen Immigranten zwischen dem kämpferischen Ideal des Anti-Kolonialismus und dem faktischen Leben in Frankreich. Im Mittelpunkt der Erzählung steht der junge Senegalese El Hadj, der in Paris studiert. Da seine Aufenthaltsbewilligung abgelaufen ist, steckt er in einem Dilemma: Einerseits will er nach Hause zurückkehren, um die erworbenen Kenntnisse in den Dienst seines Landes zu stellen, andererseits wünscht er da zu bleiben, wo er sich wohl fühlt. Doch er wird von seinen Überzeugungen und unerfüllten Wünschen gequält. Die Jury hat den Film ausgezeichnet, da er verschiedene Möglichkeiten aufzeigt, mit der schmerzhaften Entwurzelung umzugehen und auch Perspektiven der Hoffnung eröffnet. Ausserdem würdigt sie „die Originalität der filmästhetischen Sprache und den starken Appell des Films, interkulturell zu denken und zu handeln.“

Kinder zwischen Palästina und Israel
Der Dokumentarfilm „Promises“ ist ein besonderes Zeitdokument. Aus der Sicht von Kindern halten die drei Filmschaffenden B.Z. Goldberg, Justine Shapiro und Carlos Bolado den Zeitraum von 1997 bis 2000 fest. Mit einem aussergewöhnlichen Engagement bringen sie jüdische und palästinensische Kinder miteinander ins Gespräch. „Promises“ zeigt, dass ein zukünftiges Leben in Frieden in solchen Versuchen des wechselseitigen Kennenlernens wurzeln könnte“, hält die Jury in ihrer Begründung des Spezialpreises fest. Der Film bewegt durch seine Nähe und Authentizität. Die Vision des Friedens ist durch die Zuspitzung des Konflikts im Nahen Osten umso dringlicher geworden.

Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst

Informationen zu den Preisträgern: http://www.pardo.ch