33. Solothurner Filmtage: Am Puls der Zeit

An den 33. Solothurner Filmtagen erwies sich das Jahr 1997 von der Quantität her (239 Filme) als ein sehr reicher Jahrgang. Auch von der Qualität her darf er sich durchaus sehen lassen. Dabei fällt auf, dass dieser Jahrgang des Schweizer Films – mehr als in den letzten paar Jahren – am Puls der Zeit liegt. Mehrere Schweizer Dokumentarfilme befassen sich mit der Zeit des Zweiten Weltkrieges.

Der Dokumentarfilm ist eine Form, in der es dem Film immer wieder gelingt, sich sehr nachdrücklich mit aktuellen Zeitthemen zu befassen. Für unser Land im Vordergrund steht gegenwärtig sicher das Thema der Auseinandersetzung mit der Zeit des Zweiten Weltkrieges. In erster Linie ist da Richard Dindos „Grüningers Fall“ zu nennen: Im Saal des Bezirksgerichts St. Gallen, in dem 1940 Polizeihauptmann Paul Grüninger verurteilt worden war, weil er 3000 Juden illegal in die Schweiz einreisen liess und ihnen dadurch das Leben rettete, inszenierte Dindo einen Revisionsprozess zugunsten des Verurteilten. Die Aussagen von Zeugen, die meisten von Grüninger damals gerettete Juden, rollen ein zwiespältiges Kapitel Schweizer Geschichte auf und lassen einem mutigen Menschen, der sein Gewissen über die Beamtenpflicht stellte, Gerechtigkeit widerfahren. Auch Jacqueline Veuves eindrücklicher Dokumentarfilm „Journal des Rivesaltes 1941-42“ dürfte gerade jetzt auf besonderes Interesse stossen: Wie in ihrem 1993 veröffentlichten Tagebuch gleichen Titels erinnert sich Friedel Bohny-Reiter an ihren Hilfsdienst als Rotkreuzschwester im französischen Sammellager Rivesaltes bei Perpignan, wo Juden und Zigeuner während des Zweiten Weltkrieges auf engstem Raum zusammengepfercht auf den Transport ins Vernichtungslager Auschwitz warten mussten. Es ist fast eine Ironie der Geschichte, dass heute ausgerechnet der Schweizer Film, dem von politischer Seite bis in die jüngste Vergangenheit öfters „Nestbeschmutzung“ vorgeworfen wurde (insbesondere Richard Dindo wegen „Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S.“, 1975) so etwas wie eine „Ehrenrettung“ der anderen, humanitären Schweiz jener Jahre unternimmt .

Schicksal von Millionen und das Leiden eines Einzelnen

Den gleichen historischen Hintergrund haben noch zwei weitere Filme: In Andreas Hoesslis TV-Dokumentation „Nachrichten aus dem Untergrund“ werden drei Zeitzeugen darüber befragt, was man während des Krieges im von den Deutschen besetzten Europa und bei den Alliierten über die „Endlösung“, den geplanten Massenmord an den Juden, wissen konnte. Viel – aber man wollte es nicht zur Kenntnis nehmen, weil es politisch nicht opportun war, etwas zu unternehmen, oder weil die Berichte zu unglaublich klangen. Diesen Holocaust hat in Auschwitz als einziger seiner Familie Binjamin überlebt, dessen Schicksal Esther van Messel in „Fremd geboren“, einem der wichtigsten und eindrücklichsten der in Solothurn präsentierten Filme, aufzeigt. Binjamin wächst als Waise in den Kinderbaracken der Lager Maidanek und Auschwitz auf, kommt nach der Befreiung in die Schweiz, wird von einem gutbürgerlichen Ehepaar adoptiert und erhält den Namen Bruno. Seine schreckliche Zeit im KZ soll er vergessen. Bruno wird Musiker und Lehrer, gründet eine Familie. Weil ihm jedoch seine Erinnerungen und damit auch seine Identität abhanden gekommen sind, gerät er in schwere existentielle Krisen, zieht sich in sich selbst zurück. Um weiterleben zu können, muss er schliesslich genauer wissen, woher er kommt. „Wenn wir nicht wissen, woher wir kommen, wissen wir auch nicht, wohin wir gehen.“ Er beginnt nachzuforschen, fährt nach Polen, sucht die Lager, die Baracken, wo er die ersten Jahre seiner Kindheit verbrachte. Er findet gewissermassen seinen „Ursprung“ und damit endlich auch eine Identität, die es ihm erlaubt, sich wieder zu öffnen, was anderen wiederum ermöglicht, sich ihm zu öffnen. Binjamin schwieriges Leben ist kein Einzelschicksal: Es gibt viele, die wie er als Waisen aus den Konzentrationslagern kamen, die mit einer Vergangenheit leben müssen, die zu den schrecklichsten gehört, die Menschen haben können. Binjamin führt heute eine Dokumentations- und Informationsstelle, mit der er Schicksalsgenoss(inn)en helfen will. Dieser sehr persönliche, ja intime Film geht einem deshalb besonders unter die Haut, weil die Not und das Leiden eines Einzelnen ganz konkret zu (be)rühren vermag, während das Schicksal von Millionen unfassbar und damit irgendwie abstrakt bleibt.

Lachen in einem heiklen Themenbereich

Vor dem Hintergrund der Leiden der Nazi-Opfer grenzt es an ein kleines Wunder, dass in diesem Themenbereich eine Filmkomödie möglich ist, die Lachsalven provoziert, ohne je geschmack- oder pietätlos zu sein. Dieses Kunststück fertiggebracht hat Stina Werenfels mit „Pastry, Pain and Politics“. Ein altes jüdisches Ehepaar, das seinerzeit dem Holocaust entkommen ist, fliegt aus den USA in die Schweiz, um hier Ferien zu machen. Die Frau wäre zwar lieber nach Israel gereist, aber dem Mann hat es dort zu viele Araber. Wegen einer Herzkrise muss er ins Spital, wo ihn ausgerechnet eine palästinensische Krankenschwester, die über ihre Aufgabe alles andere als erfreut ist, zu betreuen hat. Aus dieser Konstellation mit Repräsentanten von Kulturen und Rassen, die sich nicht riechen können, entwickelt die Regisseurin eine überraschenden Geschichte, in deren Verlauf die beiden Frauen auf einem Ausflug an den Rheinfall zusammentreffen, ungewollt nach Deutschland geraten und unversehens an der Grenze stehen, die die eine nicht überschreiten darf, die andere nicht überschreiten will. Satirisch entlarvt der Film die Absurdität von Vorurteilen und Grenzen, ohne je die Personen zu verletzen oder lächerlich zu machen. Ein Höhepunkt der Filmtage!

Themenvielfalt

Dieser Kurzbericht beschränkt sich, mit der Ausnahme von „Pastry, Pain and Politics“, auf Dokumentarfilme und auch dort nur auf ein einziges Thema. Dabei zeichnen sich die Dokumentarfilme des Jahres 1997 wiederum durch eine erstaunliche Themenvielfalt aus. Es gab Filme unter anderem über Behinderte („Die Regierung“ von Christian Davi und Fritz E. Maeders ein Vierteljahrhundert umspannende Langzeitstudie „Wie du und ich“), über Drogensüchtige, die von ihrer Sucht loskommen wollen (Remo Legnazzis „Abschied von der Gasse“) oder über die einstige Stadtguerilla von Uruguay: In „Tupamaros“ von Heidi Specogna und Rainer Hoffmann berichten einstige Revolutionäre, von denen einer heute sogar im Parlament sitzt, mit Humor, Witz und ironischem Sarkasmus über ihre Kämpfe und ihre heutige Situation.

Abschliessend sei von den vielen gelungenen Kurzspielfilmen, die dieses Jahr einen besonderen Akzent bilden, einer erwähnt, der stellvertretend für jene Filme steht, die von kirchlicher Seite finanziell unterstützt worden sind (in diesem Fall von der Römisch-katholischen Zentralkommission Zürich): „Leas Bruder“ von Josy Meier zeigt auf ungewöhnliche Weise die Not eines Mädchens aus dem Blickwinkel eines Scheidungskindes, das mit Hilfe eines fiktiven Bruders gegen Einsamkeit und Angst kämpft und sich nach Geborgenheit und Liebe sehnt.

Franz Ulrich